Vor mir die junge, einzeln gehende Muslima in einem dieser schwarzen Gewänder zu einem Kopftuch, deren korrekte Bezeichnungen ich mir nie merken kann – es auch nicht wirklich will: Auch ich spüre manchmal, weniger gegen diese Sorte Kleidung an sich als gegen ihre Idee von Reglementierung, gegen ihre Anmaßung von Strenge, eine impulsive Abneigung.

Hier aber gibt sie einmal einem Gang und einer Haltung nicht nur etwas geradezu Elegantes, sondern hebt die Trägerin auch deutlich ab von den anderen mittäglichen Frauen auf der Bilker Allee in ihren öden, uniformen Jeans- & Stiefelkombinationen – und dann hat sie in dem leicht ungelenk wirkenden, leicht gezierten mädchenhaften Aufsetzen ihrer Füße auch noch etwas von U.

Als ich nach einem Wechseln der Straßenseite das zweite Mal hinter sie zu gehen komme und rasch aufhole, erkennen meine Augen weitere Vorzüge: Es setzt dieser blickdichte, aber locker fallende Stoff nicht nur ihre Schlankheit in Szene, sondern auch die aufblitzende Nacktheit ihrer Knöchel, sowie ihre Kurven da, wo es Kurven braucht – alles etwas anders als gelernt, aber durchaus reizvoll.

Bevor sie ganz enteilt, spreche ich sie an und frage sie, wie ihr Parfüm heißt, das mir schin im ersten Gewahren angenehm in der Nase wehte. Es ist light blue, und sie spricht auch D & G englisch aus, und das Kompliment, das ich ihr mache, hebt ihr noch ein wenig mehr das Kinn – obwohl mein Gefühl mir sagt, dass sie es eh erwartete.

Ihr Gesicht ist nicht wirklich schön, doch gewinnt es mit diesem Ding – es heißt, glaube ich, Hidschab – und bekommt Konturierung, durch das, was ihr weggenommen ist. Und wirkt damit auch ein wenig nackter.

Und außerdem zeigt es seine Aufhellung in meinem sie unverstellt würdigenden Blick, und auch sie begegnet meiner Freundlichkeit durchaus offen: Sie spürt hinter meinem Interesse sowohl die Formwahrung wie die ihr persönlich geltende Anerkennung, und es ist klar, auch sie will sich, vor allem sozial Gelernten, als Frau gewürdigt wissen.

Als sie längst in einer Nebenstraße verschwunden ist, wird mir klar, dass sie, seit dem ersten Einanderbemerken – abzulesen in dem flüchtigsten Seitenblick, in einer winzigen, dann überspielten Orientiertheit zu mir hin, in einer unwillkürlichen Angleichung der Schrittgeschwindigkeit -, meine latente Aufmerksamkeit für sich womöglich viel früher gespürt hat, und dass sie die ganze Sache intuitiv gleich irgendwie unter ihre Regie bekam. Ich bin nur der, der alles richtig befolgte, und das macht die Sache noch im Nachhinein vor allem wegen ihrer Dezenz zu einer gelungeneren (als es mit der habituellen Direktheit der sonst hier vorkommenden Frauen denkbar ist).

 

 

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(Nachtrag III)

Monas Mutter, schließlich

Schließlich zeigte sie mir ihre
in einem Koffer überdauernden Yé-Yé-Platten,
die Alben für die Kaugummi-Sammelbilder plus
die gesammelten Aushangfotos zu den High-Life-
Schnulzen und Melodramen damals ab 18

Für mich stammte all das aus einem Alter wie
von jenseits und weiter weg, aber der Staub,
der sich auf sämtliche Dinge des Lebens legt,
sagte mir, auch ich würde ihn einst wieder atmen

Und ein paar Sachen hatte ja sogar ich noch
mitgekriegt. Ahoi-Brause, der erste Farbfilm,
San Remo und überhaupt die lärmige Fröhlichkeit
der Italo-Schlager, in winzigen Eisdielen Mädchen
in großgepunkteten Kleidern, das Leeregefühl
sonntags bis zum Run auf die Mitkämpferlogen
beim Stürmen des Rather Waldkinos

Liegts nur am Pfeil der Zeit wie Glück
für manche stets vergangen ist?
Und alle Jäger sagen, dass sie immer
nur zum Wohl der Tiere töten

Ich dachte unter den Alten manchmal an
die Art Namen, die man auf Grabsteinen liest,
und es kommt einem in den Kopf, was
eine Odelia oder eine Milla mal
für ein exquisites junges Ding gewesen sein mag

Na weißt du, sagte Monas Mutter zu mir,
man kann sich immer für sein Leben auch
belächeln lassen. Oder schließlich mit ihm
traurig sein auf eine Art, die es einem
ein bisschen leichter macht

 

 

Ein Eimer Rosen vor der Kaufhalle
und Jenny in ihrem Armeeparka
als die schiere Auflehnung am Stand

Dreifünfzig die Stunde neben einem Ausrufer
für Korb- & Bürstenwaren aus der Blindenwerkstatt
ist sie zwischen all den grauen Leuten
das Blühen von nervösem Ausschlag,
geschieht ihr das Recht vom Amt

Und alle aus ihrer Clique kommen
gaffen lachen rauchen balancieren auf der Lenkstange
verstellen den Durchgang neben dem Automatenpferd

Stinkblumen sollt Ihr kaufen
La la la
Der Korb siegt über den Blätterhaufen

Das andere Mädchen an der Softeismaschine
    ihre strenge Nackenlinie
    ihr Pullover straff über dem Kegel-BH
    wie früher in den Schwarzweiß-Krimis
    bei den sexy Sekretärinnen des Kommissars
stellt ihre Füße ganz eng zusammen
und schaut eisern in die neue Joy auf ihren Knien

Der Korb füllt sich mit Widerwillen
Im Tempel die Geldverkäufer die Wechsler
Zugig der Warm- wie der Frischluftvorhang
Bitter das Kraut und die Weiden

.

Ich erinnere mich gut an den Tag des Rohrbombenanschlags am S-Bahnhof Wehrhahn, zu dem sie vorgestern, nach über 16 Jahren, nun doch noch den Täter geschnappt haben. Den mutmaßlichen müsste man ja korrekterweise sagen, aber ich zweifle nicht daran, dass es der richtige ist, obwohl ich zur Beweisführung nichts beitragen kann. Doch hatte ich mit diesem Typen einmal so etwas wie eine Begegnung, und danach wäre die Banalität des Bösen ist ihm sicher so gut aufgehoben wie in mir.

Am 20. Juli 2000, einem heißen, gewittrigen Tag, hatte jemand die DPA-Meldung in unser Firmen-Intranet gepostet, und ich hatte unwillkürlich denken müssen: Mist, das kommt dir heute Abend in die Quere. Ich war mit Frau S. in ihrem Büro Ackerstraße verabredet, und hätte dazu bequemerweise genau diesen, nun zum Tatort gewordenen rückwärtigen Ausgang der S-Bahnstation benutzt. Seitdem muss ich immer wieder mal, wenn ich heute diesen Ausgang benutze, an diesen Tag denken. Er hatte sich dann allerdings auch aus noch ganz anderen Gründen eingebrannt.

Ich kannte Frau S. jahrelang nur vom Telefon, und wir verstanden uns immer gut, aber herzlich wurde es erst, als ich ihr einmal einen Gefallen für einen wichtigen Kunden tun konnte – und obwohl sie mich immer wieder einlud, und es doch nie zu einem Treffen mit ihr kam, profitierte ich von unserem guten Verhältnis. Einmal, indem es, obwohl längst kein key account, mit ihrem auch meinen Umsatz, und damit meine Position geschäftsmäßig stärkte. Und zum Zweiten, weil es mit ihr ein außerberufliches, ganz eigenes, wenn auch nie erprobtes oder belastetes Einvernehmen gab, eines, das es in der Routine der Tage auch gegen die näheren Kollegen manchmal braucht. Mehr war es über all die Jahre nicht. Und trotzdem hatte es dann noch später solch ein Gewicht.

Zwischendurch hatte mir mal jemand erzählt, wie Frau S. auf einem Branchenfest aufgetreten sei, nämlich in einem echten Jaguarmantel, alkoholisiert, in einem für ihre Art Figur etwas zu gewagten Kleid, und die Haare zu einer mondänen Art Hochfrisur gekämmt, so dass es für manche Leute etwas von einer Provokation gehabt hatte. Man habe sie alternativ für eine Schreckschraube gehalten (die von ihr Erschreckten), für eine vulgäre Person (eher die Frauen) oder für ein Highlight, von dem noch etwas zu erwarten war (die männliche Trinkerriege). Aber dann war an dem Abend doch nichts weiter passiert.

Zuerst hatte mich auch diese Erzählung nicht weiter berührt – Klatsch eben. Und doch muss das damit von ihr übermittelte Bild sich in mir weiter entwickelt und mich unterschwellig neugierig gemacht haben, weil es meinem ersteren, offiziellen Bild von der zugleich wie langjährig bekannten und doch eben fremden Frau im Abschweifen über sie nach und nach ein paar neue Akzente hinzufügte. Nicht wegen dem Tierfell und der Frisur, sondern wegen der Idee, dass Frauen, die sich zu solchen Äußerlichkeiten hinreißen lassen, meist auch noch anderswie zu Exzentrizitäten zeigen, und das war schon immer etwas, auf das ich reagierte.

Aber dann hatten sie mich damals – das alles damals innerhalb ein, zwei Monaten -, der ich für die letzten Wochen in der Firma war, auswärts eingesetzt, ich vergeudete viel Zeit auf Zugfahrten und war dann auch innerlich bereits weg und vergaß das alles erst mal. Für lange.

Jetzt, im Sommer 2000, knapp 10 Jahre später, und aus ganz anderem Anlass – Frau S. schloss ihr Büro und gab deswegen eine Party -, hatte sich, weil ich auf einem Sprung bei einem ehemaligen Kollegen zufällig davon erfuhr und mir spontan einmal den Telefonhörer geben ließ, um ihr selbst einen überraschenden Gruß zu sagen und zu fragen, ob sie sich an mich erinnerte, ein erneuerter, zufälliger Kontakt ergeben und ich die spontane Einladung ebenso spontan angenommen. Es war das auch eine Anknüpfung an nicht unbedingt bessere, aber auch nicht viel schlechtere alte Zeiten.

Die S-Bahnen fuhren gegen sieben, vier Stunden nach dem Anschlag, normal, nur der Ausgang Ackerstraße war wegen den Ermittlungen gesperrt, und ich musste entsprechend den Hauptausgang und dann den Umweg über das Stück Birkenstraße laufen. Kein Problem, und auch kaum Zeitverlust. Dafür wurde der Abend dann einigermaßen denkwürdig. Und dazu mit der Bedrückung, als ich einen Tag später, im ausführlicheren Verfolgen der Nachrichten, die Einzelheiten über den Anschlag, die Umstände und die Mutmaßungen über das für unsere kleine Stadt mehr als außergewöhnliche Geschehen nachgereicht bekam.

Einige Details sind mir auch wegen einer gewissen Bizzarrerie im Gedächntis geblieben. Dass Münzen, die die Schwerverletzten in ihren Portemonnaies gehabt hatten, durch herumfliegende Metallteile verformt gewesen seien. Dass in der vom Täter an einem Geländer nahe dem S-Bahnzugang gehängten Plastiktüte eine bestimmte Zeitung deponiert gewesen sei, um das Detonationsding – es war noch nicht klar, um was es sich gehandelt hatte – darin einzuwickeln, und zwar ein Anzeigenblättchen, ein verhasstes, das auch ich bis heute einmal die Woche trotz Bitte um Verschonung in meinen Briefkasten gesteckt kriege, dass er verstopft.

So brachte dieser Tag eine in mehrfacher Weise so widersprüchliche wie gegensätzliche, in der Katastrophe wie der persönlichen Begegnung mit Frau S. dann ambivalente Betroffenheit mit sich, und blieb tatsächlich unvergesslich.

 

(Anfang eines [neuen] Kapitels der Erzählung „Abstieg in die Unterwelt„)

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Jetzt ist es mir auch passiert: Durch ein kompliziertes Routing an Verweisen und Klicks stoße ich bei Facebook auf jemanden aus meiner letzten Schulklasse, an den ich seit x Jahren nicht mehr gedacht habe: A. P.

Dabei war er einer von denen, die ich mochte.

Es gab die, mit denen man fast nichts gemein hatte und die einen auch nie weiter interessierten (nur manchmal nervten). Es gab die, mit denen man reden konnte und mit denen man hin und wieder mal zusammenstand. Und es gab die, die man auch nach der Schule traf – und darunter den einen oder anderen sogar später noch regelmäßig. Und es gab die, die immer irgendwo dazwischen waren, eher zurückhaltend, einem von ferne ähnlich, am Rand, nach keiner Seite besonders ausschlagend und in ihrer Bereitschaft, das Leben vorläufig nicht zu sehr an einen herankommen zu lassen, einem sogar ein bisschen verwandt.

Und jetzt sehe ich, er ist – nach welchen Stationen dazwischen auch immer – ein Fetischfotograf geworden.

(Zeigt seine Website für meine Art Blick auch eher konventionelles Zeug. Nicht, weil ich mich mit seinen Vorlieben besonders auskenne, aber ein bisschen mit Fotografie: Das ist [künstlerisch] allzu brav. Es lässt mich kurz an eine Musikerin denken, die sich in unserer New Wave-Zeit wie so viele als Minimalistin in Schwarz versuchte und sich vor ein paar Jahren plötzlich mit bunten Tätowierungen und Metall im Gesicht und reichlich verunstaltenden Ohrgehängen zeigte – als nur umso deutlicher von den falschen Begleiteffekten der Zeit Abgehängte.)

Aber nicht diese, seine Foto-Sache berührt mich seltsam, sondern A. P.s eigene gewonnene Sichtbarkeit: Sein Hervortreten, seine gewonnene Kontur, seine Glatze, seine Maskulinität. (Er spricht im Zusammenhang mit den Fotos von einer Leidenschaft: Ist es für ihn nach einem mutmaßlich angepassten Arbeitsleben also auch eine Art coming-out?)

Dabei habe auch ich mich schließlich verwandelt und bin ein anderer geworden. Das unmittelbar innere emotionale Anschließenkönnen an ihn als seinerzeitige Person ist es, das mir ein Fremdheitsgefühl macht – nachdem ich doch einmal so dringend von all denen weggewollt hatte, die nicht genügten und mit denen doch so lange und zwangsweise auszukommen war.

Und könnte er ein Zeuge sein für den ihm und mir Unbekannten, der ich damals war? Das Gefühl ist, als wäre in/mit ihm etwas über mich zu wissen, das anderswie nie mehr zu erfahren, nicht mehr zu erreichen wäre. Dabei habe ich schon lange nicht mehr den Gedanken, es fehlte mir etwas/jemand aus der Zeit, der mir etwas über mich hätte verraten oder beglaubigen sollen: Endlich ist es lang genug her, und da soll es auch vergessen bleiben.

(Einer ist ein regional bekannter Zauberkünstler geworden. Ein anderer ein theoretischer Physiker. Und einer hat den Nachnamen seiner Frau angenommen. Dagegen sind die, von denen ich dachte, das man vielleicht einmal von ihnen hören würde, spurlos verschwunden. Und der einzige wirkliche, langjährige Freund aus jener Schulklasse ist vor Jahren gestorben, und weil er wegen einem seinerseits gesuchten Bruch in seinem Leben auswärts lebte, erfuhr ich auch erst über Umwege und mit ziemlicher Verspätung davon. Heute steht all das für ein anderes Leben.)

Dabei ist er, A. P., als ‚Jener‘, als Aspekt von mir, doch auch nie fortgewesen? Bliebe er nicht auch nach einer nichts an Gewinn bringenden Befragung als Inbild und Double des früheren A. P. verkörpert? Und kann ich ihm als aus seiner Erinnerung mit nicht mehr als zwei, drei dürftigen Adjektiven belegbare Person heute wie damals ein anderer denn ein Ausgedachter sein, jemand nur zu Verkennendes? Und so weiter. Ein Spiegel- und ein Schattenkabinett. Besser, es gar nicht erst betreten. (Und hoffentlich erinnert mich jetzt nicht Facebook, diese vampyristisch noch alles Datenleben doppelnde und verdünnende Leerlaufmaschine, dauernd daran.)

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