Ein Eimer Rosen vor der Kaufhalle
und Jenny in ihrem Armeeparka
als die schiere Auflehnung am Stand

Dreifünfzig die Stunde neben einem Ausrufer
für Korb- & Bürstenwaren aus der Blindenwerkstatt
ist sie zwischen all den grauen Leuten
das Blühen von nervösem Ausschlag,
geschieht ihr das Recht vom Amt

Und alle aus ihrer Clique kommen
gaffen lachen rauchen balancieren auf der Lenkstange
verstellen den Durchgang neben dem Automatenpferd

Stinkblumen sollt Ihr kaufen
La la la
Der Korb siegt über den Blätterhaufen

Das andere Mädchen an der Softeismaschine
    ihre strenge Nackenlinie
    ihr Pullover straff über dem Kegel-BH
    wie früher in den Schwarzweiß-Krimis
    bei den sexy Sekretärinnen des Kommissars
stellt ihre Füße ganz eng zusammen
und schaut eisern in die neue Joy auf ihren Knien

Der Korb füllt sich mit Widerwillen
Im Tempel die Geldverkäufer die Wechsler
Zugig der Warm- wie der Frischluftvorhang
Bitter das Kraut und die Weiden

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Ich erinnere mich gut an den Tag des Rohrbombenanschlags am S-Bahnhof Wehrhahn, zu dem sie vorgestern, nach über 16 Jahren, nun doch noch den Täter geschnappt haben. Den mutmaßlichen müsste man ja korrekterweise sagen, aber ich zweifle nicht daran, dass es der richtige ist, obwohl ich zur Beweisführung nichts beitragen kann. Doch hatte ich mit diesem Typen einmal so etwas wie eine Begegnung, und danach wäre die Banalität des Bösen ist ihm sicher so gut aufgehoben wie in mir.

Am 20. Juli 2000, einem heißen, gewittrigen Tag, hatte jemand die DPA-Meldung in unser Firmen-Intranet gepostet, und ich hatte unwillkürlich denken müssen: Mist, das kommt dir heute Abend in die Quere. Ich war mit Frau S. in ihrem Büro Ackerstraße verabredet, und hätte dazu bequemerweise genau diesen, nun zum Tatort gewordenen rückwärtigen Ausgang der S-Bahnstation benutzt. Seitdem muss ich immer wieder mal, wenn ich heute diesen Ausgang benutze, an diesen Tag denken. Er hatte sich dann allerdings auch aus noch ganz anderen Gründen eingebrannt.

Ich kannte Frau S. jahrelang nur vom Telefon, und wir verstanden uns immer gut, aber herzlich wurde es erst, als ich ihr einmal einen Gefallen für einen wichtigen Kunden tun konnte – und obwohl sie mich immer wieder einlud, und es doch nie zu einem Treffen mit ihr kam, profitierte ich von unserem guten Verhältnis. Einmal, indem es, obwohl längst kein key account, mit ihrem auch meinen Umsatz, und damit meine Position geschäftsmäßig stärkte. Und zum Zweiten, weil es mit ihr ein außerberufliches, ganz eigenes, wenn auch nie erprobtes oder belastetes Einvernehmen gab, eines, das es in der Routine der Tage auch gegen die näheren Kollegen manchmal braucht. Mehr war es über all die Jahre nicht. Und trotzdem hatte es dann noch später solch ein Gewicht.

Zwischendurch hatte mir mal jemand erzählt, wie Frau S. auf einem Branchenfest aufgetreten sei, nämlich in einem echten Jaguarmantel, alkoholisiert, in einem für ihre Art Figur etwas zu gewagten Kleid, und die Haare zu einer mondänen Art Hochfrisur gekämmt, so dass es für manche Leute etwas von einer Provokation gehabt hatte. Man habe sie alternativ für eine Schreckschraube gehalten (die von ihr Erschreckten), für eine vulgäre Person (eher die Frauen) oder für ein Highlight, von dem noch etwas zu erwarten war (die männliche Trinkerriege). Aber dann war an dem Abend doch nichts weiter passiert.

Zuerst hatte mich auch diese Erzählung nicht weiter berührt – Klatsch eben. Und doch muss das damit von ihr übermittelte Bild sich in mir weiter entwickelt und mich unterschwellig neugierig gemacht haben, weil es meinem ersteren, offiziellen Bild von der zugleich wie langjährig bekannten und doch eben fremden Frau im Abschweifen über sie nach und nach ein paar neue Akzente hinzufügte. Nicht wegen dem Tierfell und der Frisur, sondern wegen der Idee, dass Frauen, die sich zu solchen Äußerlichkeiten hinreißen lassen, meist auch noch anderswie zu Exzentrizitäten zeigen, und das war schon immer etwas, auf das ich reagierte.

Aber dann hatten sie mich damals – das alles damals innerhalb ein, zwei Monaten -, der ich für die letzten Wochen in der Firma war, auswärts eingesetzt, ich vergeudete viel Zeit auf Zugfahrten und war dann auch innerlich bereits weg und vergaß das alles erst mal. Für lange.

Jetzt, im Sommer 2000, knapp 10 Jahre später, und aus ganz anderem Anlass – Frau S. schloss ihr Büro und gab deswegen eine Party -, hatte sich, weil ich auf einem Sprung bei einem ehemaligen Kollegen zufällig davon erfuhr und mir spontan einmal den Telefonhörer geben ließ, um ihr selbst einen überraschenden Gruß zu sagen und zu fragen, ob sie sich an mich erinnerte, ein erneuerter, zufälliger Kontakt ergeben und ich die spontane Einladung ebenso spontan angenommen. Es war das auch eine Anknüpfung an nicht unbedingt bessere, aber auch nicht viel schlechtere alte Zeiten.

Die S-Bahnen fuhren gegen sieben, vier Stunden nach dem Anschlag, normal, nur der Ausgang Ackerstraße war wegen den Ermittlungen gesperrt, und ich musste entsprechend den Hauptausgang und dann den Umweg über das Stück Birkenstraße laufen. Kein Problem, und auch kaum Zeitverlust. Dafür wurde der Abend dann einigermaßen denkwürdig. Und dazu mit der Bedrückung, als ich einen Tag später, im ausführlicheren Verfolgen der Nachrichten, die Einzelheiten über den Anschlag, die Umstände und die Mutmaßungen über das für unsere kleine Stadt mehr als außergewöhnliche Geschehen nachgereicht bekam.

Einige Details sind mir auch wegen einer gewissen Bizzarrerie im Gedächntis geblieben. Dass Münzen, die die Schwerverletzten in ihren Portemonnaies gehabt hatten, durch herumfliegende Metallteile verformt gewesen seien. Dass in der vom Täter an einem Geländer nahe dem S-Bahnzugang gehängten Plastiktüte eine bestimmte Zeitung deponiert gewesen sei, um das Detonationsding – es war noch nicht klar, um was es sich gehandelt hatte – darin einzuwickeln, und zwar ein Anzeigenblättchen, ein verhasstes, das auch ich bis heute einmal die Woche trotz Bitte um Verschonung in meinen Briefkasten gesteckt kriege, dass er verstopft.

So brachte dieser Tag eine in mehrfacher Weise so widersprüchliche wie gegensätzliche, in der Katastrophe wie der persönlichen Begegnung mit Frau S. dann ambivalente Betroffenheit mit sich, und blieb tatsächlich unvergesslich.

 

(Anfang eines [neuen] Kapitels der Erzählung „Abstieg in die Unterwelt„)

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Jetzt ist es mir auch passiert: Durch ein kompliziertes Routing an Verweisen und Klicks stoße ich bei Facebook auf jemanden aus meiner letzten Schulklasse, an den ich seit x Jahren nicht mehr gedacht habe: A. P.

Dabei war er einer von denen, die ich mochte.

Es gab die, mit denen man fast nichts gemein hatte und die einen auch nie weiter interessierten (nur manchmal nervten). Es gab die, mit denen man reden konnte und mit denen man hin und wieder mal zusammenstand. Und es gab die, die man auch nach der Schule traf – und darunter den einen oder anderen sogar später noch regelmäßig. Und es gab die, die immer irgendwo dazwischen waren, eher zurückhaltend, einem von ferne ähnlich, am Rand, nach keiner Seite besonders ausschlagend und in ihrer Bereitschaft, das Leben vorläufig nicht zu sehr an einen herankommen zu lassen, einem sogar ein bisschen verwandt.

Und jetzt sehe ich, er ist – nach welchen Stationen dazwischen auch immer – ein Fetischfotograf geworden.

(Zeigt seine Website für meine Art Blick auch eher konventionelles Zeug. Nicht, weil ich mich mit seinen Vorlieben besonders auskenne, aber ein bisschen mit Fotografie: Das ist [künstlerisch] allzu brav. Es lässt mich kurz an eine Musikerin denken, die sich in unserer New Wave-Zeit wie so viele als Minimalistin in Schwarz versuchte und sich vor ein paar Jahren plötzlich mit bunten Tätowierungen und Metall im Gesicht und reichlich verunstaltenden Ohrgehängen zeigte – als nur umso deutlicher von den falschen Begleiteffekten der Zeit Abgehängte.)

Aber nicht diese, seine Foto-Sache berührt mich seltsam, sondern A. P.s eigene gewonnene Sichtbarkeit: Sein Hervortreten, seine gewonnene Kontur, seine Glatze, seine Maskulinität. (Er spricht im Zusammenhang mit den Fotos von einer Leidenschaft: Ist es für ihn nach einem mutmaßlich angepassten Arbeitsleben also auch eine Art coming-out?)

Dabei habe auch ich mich schließlich verwandelt und bin ein anderer geworden. Das unmittelbar innere emotionale Anschließenkönnen an ihn als seinerzeitige Person ist es, das mir ein Fremdheitsgefühl macht – nachdem ich doch einmal so dringend von all denen weggewollt hatte, die nicht genügten und mit denen doch so lange und zwangsweise auszukommen war.

Und könnte er ein Zeuge sein für den ihm und mir Unbekannten, der ich damals war? Das Gefühl ist, als wäre in/mit ihm etwas über mich zu wissen, das anderswie nie mehr zu erfahren, nicht mehr zu erreichen wäre. Dabei habe ich schon lange nicht mehr den Gedanken, es fehlte mir etwas/jemand aus der Zeit, der mir etwas über mich hätte verraten oder beglaubigen sollen: Endlich ist es lang genug her, und da soll es auch vergessen bleiben.

(Einer ist ein regional bekannter Zauberkünstler geworden. Ein anderer ein theoretischer Physiker. Und einer hat den Nachnamen seiner Frau angenommen. Dagegen sind die, von denen ich dachte, das man vielleicht einmal von ihnen hören würde, spurlos verschwunden. Und der einzige wirkliche, langjährige Freund aus jener Schulklasse ist vor Jahren gestorben, und weil er wegen einem seinerseits gesuchten Bruch in seinem Leben auswärts lebte, erfuhr ich auch erst über Umwege und mit ziemlicher Verspätung davon. Heute steht all das für ein anderes Leben.)

Dabei ist er, A. P., als ‚Jener‘, als Aspekt von mir, doch auch nie fortgewesen? Bliebe er nicht auch nach einer nichts an Gewinn bringenden Befragung als Inbild und Double des früheren A. P. verkörpert? Und kann ich ihm als aus seiner Erinnerung mit nicht mehr als zwei, drei dürftigen Adjektiven belegbare Person heute wie damals ein anderer denn ein Ausgedachter sein, jemand nur zu Verkennendes? Und so weiter. Ein Spiegel- und ein Schattenkabinett. Besser, es gar nicht erst betreten. (Und hoffentlich erinnert mich jetzt nicht Facebook, diese vampyristisch noch alles Datenleben doppelnde und verdünnende Leerlaufmaschine, dauernd daran.)

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Das die halbe Nacht gegen das Fenster anstürmende Wetter wuchtet sich endlich ins Zimmer … aber nicht, indem es das Glas eindrückt (wie die Angst die ganze Zeit vorhergesehen und befürchtet hat), sondern indem es den Fenstergriff benutzt – den es hier also auch außen gibt. Und indem es diesen Griff betätigt, wird sie, diese Wesenheit des Wetters, irgendwie auch ‚personal‘.

Das habe ich seit der Kindheit nicht mehr empfunden, und das ist so bemerkenswert, dass es die Gewärtigkeit und das Bemerken selbst sensationell macht – und damit auch im Traum, als diesen Horizont, bewusst.

Denn jetzt ist es ein abstrahiertes Wetter (zum Teil wie aus einem Kinderbuch: schräge Striche für Regen, ein Gekringel für Wolken und die Backen eines den himmlischen Wind pustendes Gesicht), wie auch ein animiertes: ein Hauchleib (auf der Haut), ein Zeus’scher Regen (in der Wunsch-Imagination). Ein Wettergeschehen, der mit den subtilen Kräften seiner Wandlungsfähigkeit spielt, und obwohl immer noch in einem Zwischenbefinden außerhalb, auf der Schwelle, spüre ich all das doch auch sehr nah.

Und dann ist das Bett, in dem ich liege, tatsächlich mein altes Kinderbett. Eines hinter der nackt ragenden Außenwand eines Gebäudes ohne Nachbarhäuser, in dem ich tatsächlich oft Frühjahrs- und Herbststürme, Hundstage und Ungewitter überstand, aus dem heraus ich mich oft über mysteriöse Pfade eines magischen Denkens und Fühlens auf Abenteuer begeben hatte. Diese Transponierung ist noch als Reminiszenz so gefühlsbeladen, dass es mich weckt.

Das reale Wetter ist eher Nebel und Feuchte, Temperaturen knapp über Null. Ich fühle mich frisch wie tatsächlich von diversen animistischen, mir freundlich gesonnen Kräften berührt. So war die Stürmerei also vor allem in mir, wüsste ich auch weder Anlass noch einen Grund dafür. Noch einmal bin ich gerettet und unbedrängt.

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(Fundfoto: anonym)

Es ist ein Winter in der Zeit, als es Winter noch gab, das heißt, für hiesige Verhältnisse – niederrheinische Tiefebene – ist es kalt: mehrere Grad unter Null. Aber das macht mir nichts. In dem alten Haus, in dem wir wohnen, halte ich es aus in dem ehemaligen Etagenklo eine halbe Treppe tiefer, das jetzt als Abstellkammer für Reinigungsmittel und Besen dient und Momente des Alleinseins außerhalb der überhitzten Wohnung ermöglicht, für was auch immer.

Gerade schaue ich in der riesigen, uralten Pappel vor dem Fenster nach dem Gehusche von Vögeln, die jetzt in der Kahlheit besonders gut zu sehen sein müssten. Manchmal tschilpen auch ein paar Meisen oder es gibt weiter oben ein kurzes Hähergezänk, aber anscheinend wirken diese vor Sattheit ereignislosen Weihnachtsfeiertage mit ihrer Erpressung zur Verhaltenheit auch auf die Vögel. Das Haus, der Hof unten, das ganze einigermaßen weite Gartengelände dahinter, alles bleibt auffällig still.

Meine Absonderung hat längst eigene, wenn auch noch halb kindliche, halb versponnene Züge und Zeichen. Dazu in der auch noch schwach magischen, zur Heimlichkeit anstiftenden Welt der Feiertagsverschwiegenheit, der auch sonst eigenlebigen Hausgeräusche. Im Frühjahr, bei offenen Fenstern, gibt es das Flattern auf dem Speicher. Im Sommer das Baumrauschen, die summenden Schwebungen über dem Dach, die durchdringende Schreie der Mauersegler und das Barfuß-Tappen von Sieglinde, wenn sie Wäsche aufhängen kommt. Und jetzt ist wieder die Zeit der Windjammer im Kamin, des Ächzens im Gebälk, des leisen Klappen von Tapetentüren im morschen Traum von irgendwem, darin das Haus lebt, arbeitet, in meinen Phantasien nach Belieben wandert, zum Mausbau schrumpft oder sich auswächst zum Vogelhorst. Und so muss sie viel früher einmal angefangen haben, diese heimliche Lust in mir, das Leben der anderen zu verpassen.

Ich weiß vage, dass es lächerlich ist, wie ich mich verhalte, und fürchte ein bisschen, dass meine Eltern das Falsche an Grund annehmen, weshalb ich mich derart lange außerhalb meines warmen Zimmers aufhalte. Aber ich will auch raus aus der Absonderung, will mich ein bisschen an der Kälte entzünden. Ich will ein Beobachter sein, oder mich zumindest darin jetzt ein bisschen üben.

Vor ein paar Wochen, im Herbst, hat mich unter dem Auffliegen einer Wolke Stare auf einem Feld so eine gewisse Art Schwindel erfasst, und auf einer gewissen Frequenz klingt und schwingt in meinem Kopf noch etwas davon nach. Ich ahne, wie das etwas aus der Zerfahrenheit wie aus der schieren Unzahl der Vögel wie auch der kurzen akustischen Phrenesie gewesen sein muss. Aber etwas für solche Dinge Empfangs- oder Überwältigungsbereites in mir kommt über etwas mir außerdem daraus Vermitteltes nicht ganz weg.

(Ähnliches wird mir später im Leben immer wieder passieren, als eine Art mentales Kammerflimmern, als Schwebung und vorübergehende Regellosigkeit im Kopf. Einmal während des zum Herzstocken schwarzen, zuerst nur in den Augenwinkeln erspähten, dann wie über mich hereinbrechenden Aufflatterns einer Brueghel‘schen Winterszene auf einem Friedhof in Wien. Ein andermal in Münster auf der Promenade, über einem Anflug wie von Levitation und Selbstausstreuung durch einen luftgeistigen Schwarm Meisen direkt über mir. Und immer wieder mal das alle inneren Routinen kurz aufstörende Schwirren über den Dachkammern, in denen ich dann wohne. Und sind das, zwischen Hinreißungen und Herzaussetzern, auch Momente für einen Einfall an Heiligem Geist? Oder nur solche, in denen ich fürchte, wie etwas an Spleen oder seelisch Flatterhaftem in mir dem allzu leichtfertig entgegenkommt?)

Dafür ist Gesang von Vögeln für mich neuerdings genau das: Gesang. In meinen ausgedehnten Garten- und Streunerrevieren eine Art Radio für irgendwie bipolaren Freiheitsempfang: einerseits eine luxuriöse Vielfalt von Stimmen, andererseits diese nistkastenmäßige Schmalbandigkeit. Aber ich bin auch schon entfremdet: Manchmal fühle ich so was wie eine heilige Scheu, wenn ich wenn ich auf ein belegtes Nest stoße und damit auf einen irgendwie mir eine unbekannte Achtung gebietenden Bereich. Denn eine andere Befürchtung in mir ist, wie demnächst meine eigene kleine Absonderung bedroht sein wird in dem, was mit dem Älterwerden als unwillkommene Forderungen nach mir greift.

Ihre Käfigvögel sollen die als Kind vereinsamte Maria Callas zum Singen gebracht haben. Nur mir selber ist, mich auszudrücken, kein Schnabel gewachsen. Dafür habe ich angefangen, Vogelfedern zu sammeln und für die Suche danach in Hecken und Böschungen und noch ins Unwegbare zu klettern. Meine Eroberungen klebe ich zu einer Art Schamanenmantel auf die mir von einem Nachbarn überlassene Anglerweste in einem frühen Nato-Grün. (Habe ich von Beuys damals schon gehört? Merkwürdigerweise denke ich in dem Zusammenhang immer an Saint-Exupéry. Möglicherweise geht es beim abgestuften Sortieren der Federn um Farbenlehre, beim Gestalten des in mir Gestaltlosen um Ästhetik als seelischen Aufflug, als Schwingenersatz: Little Wing. – Aber dann gebe ich das auf. Ich würde die Weste ja doch immer nur für mich allein tragen können, will aber auch mir selbst gegenüber kein Spinner sein. Oder es fehlt mir eben an Durchhaltevermögen, am wahnsinnigen Element.)

Zum Geburtstag habe ich einen großartig bebilderten Band Vogelkunde bekommen und will die Tiere jetzt aus eigener Anschauung sehen (sind sie in Wirklichkeit auch oft enttäuschend graumäusig). Ich phantasiere sogar darüber, später mal Vogelkundler zu werden, weil ich mir vorstelle, dass man dazu die ganze Zeit draußen sein und also mit guten Gründen herumstreifen, sich am Lebendigen erquicken und kleine Beobachtungsabenteuer erleben kann.

(Auch später frage ich mich noch eine ganze Zeit lang, ob das nicht, in Form eines Biologiestudiums, eine ernsthafte Option wäre, wo mir doch demnächst eine Entscheidung darüber abverlangt werden wird – ich habe sonst nicht den Hauch einer Idee von einem Beruf: Wie komme ich als vor allem Unfertiger zu einem derart folgenschweren Entschluss? Müsste es nicht mich irgendwie berufen? Wie wird man erwählt? Wenn ich von den wohl wirklichkeitsbezogenen, aber ernüchternd prosaisch klingenden Berufsvorstellungen der anderen höre, erschreckt es mich jedes mal: Ein Leben auf immer in derselben Einfalt derselben Branche? In einem Büro? Und bin denn nun ich kühner in meinen Wünschen? Oder im richtigen Leben nur im Hintertreffen und ein bisschen zu früh zu hoffnungslos? Ich bin, als spät im Jahr Geborener, nur bei der ersten Einschulung noch mit rübergerutscht, und meine, je nach Sicht, Nachzüglerei oder kalendarische Frühreife wird mich auf immer prägen.)

(Und auch das noch: nachdem ich im Laufe meines Lebens in Berufen gearbeitet habe, die es heute so gut wie nicht mehr gibt – oder wegen der Computerisierung nur noch mit einem arg simplifizierten, von jedermann zu erfüllenden Anforderungsprofil -, bin ich auch erleichtert darüber, das mit der Ornithologie gelassen zu haben: Zwar will ich mir immer noch einbilden, dass es mich hätte erfüllen können. Aber ich ahne auch, dass bei den dramatischen Aussterberaten noch der gewöhnlichsten Hausvögel heute mit bis zu 90%! auch das anfangs damit verbundene Glück sich später als ein prekäres, ein schließlich nur noch entmutigendes entpuppt hätte.)

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In der Klasse schwärmen sie jetzt alle von dieser neuen französischen Sängerin – Wachspuppe, Sprechpuppe -, aber ich finde sie klebrig, und für mich klingt in ihrem Stimmchen manchmal etwas Schrilles an. Oder kommt das vom Playback? Macht eine ihr Begreifen übersteigernde Mechanik um sie herum sie zur Konserve? Doch zwingt es auch mich immer wieder hinzuschauen, wenn sie im Fernsehen in ihrem fad-hübschen, ausdrucksarmen Zahnarzthelferinnengesicht diese winzigen, einen Glanz auflegenden Mädchensachen macht, als hätten sie in ihr eine Herkunft. Ein Lockvogel hinterm Berg ist besser als zwei verdruckste Turteltauben auf dem Dach, aber wie hat es als derart Unfertige denn sie erwählt? Immerhin der Text gibt zu denken (Die Hitze der Jungs). Wachspuppe, Aufsagepuppe. Wie kann es das himmelschreiend Falsche sein, das so viele Leute wähnen zu lieben?

Aber entspricht das oft erbarmungswürdig Simple der Lieder nicht überhaupt einer Verlegenheit, die darin nachgesungenen Worte als Platzhalter für das eigene, meist so wort- wie hilflose Fühlen zu dulden? Doch ergeben sich damit auch immer öfter erste Abstraktionen. Places I remember. In my life. The word.

(Manchmal fallen mir in Büchern Wörter auf wie Brosamen und Wintersperl, solche, die kein Mensch um mich herum je benutzt, die in mir aber flattrige kleine Aufmerksamkeiten bewirken, wenn auch womöglich spinnerte wiederum, die neben der Grenze zur Anverwandlung eine naive, kreatürliche Sympathie mitmeinen gegenüber Wesen mir schwarz-perlenden Augen, leyergeschwänzten Fittichen und einem Talent zum Produzieren von harmonisch klingenden Intervallen und winzigen Melodien. Meine Investitionen in Vogelfutter gelten ebenso wie der spiegel-neuronischen einer spleenigen, assisihaften Pflicht gegenüber Lebewesen, die an etwas in mir rühren, das selber beschützt gehört.)

Zwischendurch gehe ich mich dann doch mal aufwärmen und höre auf meinen kleinen tragbaren Plattenspieler auch rasch noch mal die B-Seite, I‘m free. Das Glanzlose, die höhepunktlose Beständigkeit bei dieser Nummer ist es, die mich anspricht.

(Später wird die Platte als eine meiner ältesten immer leicht eiern, weil sie länger unter einen Stapel Bücher gerät, aber das stört weiter nie: Es scheint darin ein Moment auch der Stetigkeit selber, des verlässlichen Überdauerns gespeichert, wie bei einer Maschine, die immer noch mal anspringt. Und noch einmal. Und ist das nicht überhaupt die Qualität dieser alten, nie ganz zu erschöpfenden Musiken, die nicht mal herausragen müssen, wenn sie nur im rechten Moment genug eingängig sind?)

Zur A-Seite hat Peter Köhler neulich zu mir gesagt: Weißte, was das heißt?, und dabei eine komische, sich anzüglich-wissend gebende Bewegung mit der hohlen Hand über seinem Schritt gemacht. Aber noch mehr wunderte ich mich über seine Selbstverkennung, weil gerade ihm beim Übersetzen schon mal groteske Fehler unterlaufen (the eastern plaines = die Oster-Flugzeuge) und er auch sonst nicht gerade eine Leuchte ist. Dafür weiß er schon ewig, was er werden will, nämlich Chemiker, wie sein Vater, der bei Henkel das Persil in den Bottichen rührt. Die Taube auf dem Dach ist besser als der Spatz auf dem Dach. So einfach also kann das Leben sein.

Aber wer die Andeutung nicht versteht, der braucht auch keine Erklärung. Mein vermeintliches Zurückgebliebensein und der Vorwitz der anderen, die sich oft selbstgewiss zu geben verstehen, auch wenn sie gerade unverstellt blöd sind, verunsichern mich oft doppelt. Aber ich bin eben leicht zu beeindrucken, und fange gerade erst an zu ahnen, wie das Meiste im Leben eine Sache lediglich von den dazu infrage kommenden Haltungen sein wird, vor allem von dem einen Talent, sich immer einen passenden Anschein zu geben. Vor allem das ist es, woran es mir vorläufig fehlt. Wer werde ich sein? Ich ahne, ich bin nur bedingt frei, um was immer zu tun oder was immer zu wählen. Muss ich es mir nur selber genug einreden? Love me, hold me. Ich bin gerade dreizehn geworden.

 

 

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(Auszug aus „… zwölf, dreizehn, vierzehn.“)

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