(Versuch über das Pilot-Gedicht …
eine Flugschreibung, Stoff & Sammlung / erster Entwurf)

 

„Auswertung der Flugdaten“

       

Lubitz, Du verkapselte black box
geheim versehrte Seele unter Signalabfrage:
Im Falle des Versagens als Ganzes auszutauschen

     Souverän ist wer über den Ausnahmezustand von anderen bestimmt?

Auch ich war ein Pilot einst zwischen Eiswürfeln
Polkappen augenblicklicher Schmelzen zwischen Drinks
& Instantpulver im Blut Kälteschutz und Kerosin

    – nur hat es mich nie an ein Steuer gedrängt

Aber zwischen Hyperbolik und Größenwahn doch zu vollem Stoff („Flugbenzin“)
 

Rechts die Barentssee links der Ostafrikanische Graben
Aller Welt unser Höhen-Ich wie aus dem Weltraum gesehen
Nur wo ist da noch das Erhabene Raum wie nichts sonst
in leichtem Unterdruck die Un/Lust des wohltuend all uns
Zwingenden das all uns lenkt und rasend übersteigt?

        Up there’s a heaven Down there’s a town
        Blackness everywhere and little lights shine

Kontaktverlust 10:41h.
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

       

        Und kann das letzte Unteilbare heroisch sein?
        (oder rasende Beweggründe niedrig?
        oder sind sie sämtlich idiotisch?)

        Einmal galten Piloten als Pioniere der Moderne –
        heute sind sie wie Busfahrer im Pendelverkehr
        bleibt ihnen Ich-Terrain als Landgewinn.
        Die Auffassung über uns übrige Psychos ist
        wie gerade das immer wieder Unausdenkbare / das Extrem /
        das sich hervorzutun drängende Ich Einzelner
        das Weltverständnis erweitert

        (So wie der Kapitalismus am lebenden Objekt /
        am offenen Herzen aus seinen Krisen lernt:
        Der Fortschritt sitzt ohne Empathie am Joystick
        und operiert telemetrisch das Zucken des roten Muskels
        von Reiz Reaktion und nicht an sich haltender Vernunft)

       

Überflieger im code sharing von Apparat & Seelenverschaltung
Knoten in einem Verkehrsnetz das die Welt nicht berührt
streifen wir Küstenlinien Fraktale im Sinkflug schroffe Materie
und ein schwarzer Kasten fernmeldet Feindgerät –

Und dann ist da weit und breit keine Botschaft
nur die stille Bahn von Raumschiff Erde
lichte Gipfel Verzweiflung und ein signal lost
Auch du bist ein Pilot am Ende

           

    Nein, Bruder Lubitz, in deiner Box ist kein Geheimnis
    nur SIGINT das Selbstmonitoring derselben alten Schwärze
    in uns beschlossen die guten alten Kräfte
    Schrecken, Gewalt und Herrlichkeit in Alarmrot
    (und am Ende ist auch wieder alles analog)

    Den anderen auf ihrer Flughöhe der Fußgänger
    gebucht auf Amnesia Airlines & breaking news
    bleibt das Unbegreifliche in immer kleinere Begreiflichere
    zerlegt Schallaufnahmen Schuhkartons abgeworfen
    als immer neue schwarze Kisten das Ungeduldspiel
    der eintreffenden Meldungen die Geschehen
    unter exorbitalem Extremdruck gestaucht

    Ein Jeder ein Vermessener Haaresbreiten von
    eigenen Hemisphärenkurzschlüssen entfernt ist uns
    die Menschheitsdämmerung Unterhaltung alle Daten
    kommen als audience flow & deep packet inspected
    – und wir wissen immer noch nicht was uns passiert

    Die Landkarten werden zu unserer Landschaft und
    die Tatsachen zu einer Art Top Gun im Datenraum
    Das haarscharfe Verpassen im Thrill zu den Extremen hin
    tuned uns zum Ausnahmezustand als neues normal high
    Nur bleiben wir zwischen Bruchlinien der Metrik Fragmente
    follower Vorhergesagte Bündel von Schmerz predictives
    Pings auf unser eigenes Schwindel-Ich

           

            (the clear blue skies over Germany)

           

    Und noch das Finale scheint immer öfter subtil entwertet
    Zuletzt doch enttäuschend unsere Maschinen für Helden über
    mitteln sie uns nur ihr Schweigen und ihre Atemfrequenz

    Keine Souveränität für Niemand Nirgends ein autonomes Daseinsfeld
    Der gefährlichste Feind sitzt im Innern
    Das eine Flugzeug finden sie das andere nicht
    (und das Schicksal des Dritten können sie vor Einsprüchen in
    den signal overflow dann doch nicht eindeutig bestimmen?)

    So wie es hilft das Fühlen und die Fakten zu trennen
    so macht es langsam auch irre

    Und so kann auch mit immer noch Schlimmerem gerechnet werden

    Vor den Erfahrungsdaten stehen die Aufzeichnungstechniken
    Immerhin die Signale kommen meist klar rein

           

           

    ***********
           

    „Alle Gedichte sind Pilotengedichte“ ist von Brinkmann (der gestern 75 geworden wäre, aber schon ’75 starb)

    „Der einzig denkbare Weg, um das Innere einer Black Box aufzudecken, ist, damit zu spielen.“ René Thom

    „There is no pilot“ (Laurie Anderson)

    .

– Es gibt keine Moral der Geschichte mehr, es gibt nur noch eine Ethik der Lektüre. (Rainer Just)

– Die Literatur lebt, wie die Demokratie, nur von den Gegenstimmen. (Julien Gracq)

– Keineswegs ist die Literatur am Ende, aber sie hat sich zu einer Subkultur sui generis ausdifferenziert, und die Tage ihrer Überschätzung als Träger der Nationalgeister sind vorüber. (Peter Sloterdijk)

Dafür haben wir jetzt dieses gewucherte System der Deutschen Buchpreise.

– Könnten wir das Gras wachsen hören, der Lärm würde uns umbringen. (George Eliot)

Alles ist ausgesprochen noch und noch und es hat nicht geholfen.
Vernehmen wir stattdessen die Warnung. Vermindern wir den Ausstoß an Poesie!

 

Geistesgemischtwarenhandel – alles muss raus
/ Sommerschlussgefühlsverkauf (frohen Herzens hoffnungslos verspätet) 

„Amerikaner geben für Stripteaseclubs mehr Geld aus als für Theater, Oper, Ballett, Jazz und klassische Konzerte zusammen.“
Und mein unverbesserliches Selbst denkt da immer noch: Ist das, mehr als ein Akt von ignorantischer Souveränität, nicht vor allem einer von verpassten Wahlmöglichkeiten? Die Freiheit, stets seinen „niedersten“ Impulsen zu folgen ist ebenfalls eine immer schon beschnittene.
(„We feel free because we lack the very language to articulate our unfreedom.“)

***

„Das Absolute ist die Summe der Entschädigungen für das menschliche Elend.“(George Bataille)
Und ich lerne gerade erst anzunehmen, wie das Heilige immer auch das Unreine ist. Immerhin das ist aufregend. Auch das versteckte, das eigene Schmutzige ist Entschädigung.

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Neulich mal wieder der Gedanke (diesmal bei Bazon Brock), die Dinge einfach sein zu lassen: dass wir uns beeilen müssen die Welt als eine Sammlung von prinzipiell nicht lösbaren Problemen anzusehen. Künstler zeigten uns, wie man damit fertig wird. Aber Kunst hat sich ja dann eigentlich auch schon erübrigt, oder? Und das ist dann auch schon Teil der Erleichterung.

Bleibt nur der alte Grund für den nämlichen Verblendungszusammenhang: wegen dem wieder mal ausbleibenden Fortschritt, uns selbst zu verstehen vor dem, was wir am schlechtesten aushalten: eine heillose Welt.

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Beweis für die Unmöglichkeit der erlösten Gesellschaft: Wenn die Massen wirklich glücklich würden, würde das den Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttern. Und wir wären wieder in der Barbarei und müssten mühselig neu erlernen, zu Amerikanern zu werden.

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Ach ja, und Amazon?

Amazon: An online Titanic. Offering free shipping.
( @NeinQuarterly )

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Den halben Tag auf Streetview und Google-Earth – und man fühlt sich, trotz der abgerissenen Anschlüsse und Artefakte, trotz der verzerrten Perspektiven und ausgewischten Gesichter und Kennzeichen, als wäre man dort gewesen.

Lieu de mémoire, Schauplatz: Gedächtnis. Dem auch der abgerissene Ort noch als Rekonstruktion abgerissener Erinnerung dienen kann. Und man ist auch noch doppelt rückwärts gereist in der Zeit!

Und mit der Erkenntnis, dass das Areal eigener Abenteuer, das nur neu zu erfindende aber niemals wiederzufindende, längst ein von Architexturen, von gleichsam disseminierten Standardfiktionen des Urbanen überbautes ist, wird die sich einzufühlen suchende Recherche vollends surreal.

 

Etwa die dreckübersähte, mit Altölwechseln und gebrauchten Spritzen kontaminierte Wiese hinter dem alten Paketpostamt Erkrather Straße, in der ich, im Umherstreifen eines pan-summenden Mittags, einmal auf ein schlafendes Mädchen gestoßen war. Heute ein eroberter, ein wieder eingemeindeter Ort – ein umso verlorenerer. Ein weiterer jener das Wirkliche der Stadt mit seinen vorausentworfenen Prospekt-Leben, mit seinem Wohnen am Park-Lego überwuchernden – zu einem Menschenpark [Peter Sloterdijk], einem durch Investoren-Logik immer schon so und so geregelten.

(Dafür mit hauseigener Kita als Ausstattungsvorzug. – Tatsächlich operiert sie, diese Kommodifizierung des Sozialen [Robert Kaltenbrunner] heute zunehmend in Lebenswelten, lässt sie sich markenrechtlich schützen wie Monsanto unser gen-täglich‘ Brot, und verkauft sie uns schlüsselfertig zurück.)

Das Gefühl außerdem: Man ist dort, auf den auch in der Zeit, hindurch die Jahre des Überflugs heran- und weggezoomten Satellitenbildern, nicht einfach nur in einem schon geschichts- wie selbstvergessenen Raum, einem distopischen. Sondern bereits in einem herübergreifend fiktiven: Man reist herum in der Geschichte, die man einst intim begangen hat ebenso wie in einer wieder möglicherweisen, deren Intimität und Gefühlsgenauigkeit man nun für einen weiteren fiktiven Raum wiederherzustellen sucht, seinen Text. Einen ebenso sich und alles noch zu erfassen suchenden wie es doch loslassen müssenden.

Dass das einem so und so eingerichtete / vorgesehene Leben seit je immer auch ein virtuelles ist, hatte ich damals schon kapiert, als man anfing, sich über die abzeichnenden Phantasien auszulassen. (Und Sherry Turkle und J. L. Borges sind da bis heute fruchtbar.) Nur gehört spätestens seitdem – und zwar mehr als Kunst, und auch mehr als Mondflug, als die Wasserstoffbombe oder weitere alt-physikalische Wunder -, eben auch die Irrealisierung zum Realen dazu. Und zum Allumfassenden, zur Noosphäre unserer Welt der Bildschirme die dagegen eingetauschte, tendenzielle Bezugslosigkeit.

(Wie auf meinem neuen Samsung: Je phantastischer die Bilder, je überstrahlender ihre Wiedergabe, desto mehr fängt etwas in mir dorthin, in dieses Profan-Transzendente nicht Einzugemeindende an, sie bis in ihre ingenieuse Subpixeldichte als feindlich zu empfinden. Vielleicht weil Medienkonsum erst spät in meine Welt kam, und ich also kein Nativer, nirgendwo bin, ist etwas in mir da unrettbar altmodisch? Jedenfalls bleibt mein Wasserwaagenauge darauf ein schielendes: Es beharrt auf einer Scheide der Zeiten, nämlich einer vor und einer nachdem Bildschirme seine Welt wurden.)

 

Aber noch ein witziger Effekt. Weil ich selber irgendwann mal in jenen Jahren solch ein Streetview-Auto mit seinem Periskop auf der Straße gesehen hatte, wird es mir jetzt rückversichert: Genau! Quellenwert: objektivierte Fakten! Es muss eben im August oder September 2008 gewesen sein, als ich …

Und dann hilft es doch nicht, es bleibt Rekonstruktion.

Denn schon jetzt, da ich alles noch gut in meinem eigenen Gedächtnis zu haben glaube, kommt es mir ebenso vor, als wäre ich dort, in einem Ausgelagerten, ein Anderer gewesen. Denn zugleich kann ich, Gegenden wieder erkundend, die einmal zu meinen bevorzugten gehörten, Auschau halten nach mir selbst: Schon damals ein Außen suchend, bin ich aber dort wirklich einmal gegangen! Die Kamera muss mich erfasst haben, und in zumindest einem der eingefalteten Koordinatenräume muss auch ich jetzt als eine der Verwischungen dort vorkommen!

(Oder, wie ich vor Jahren mal zu jemandem gesagt habe, der in einem immer schnelleren Rückzoom bald auch schon Vergangenheit sein wird: Sag‘ ich, hör‘ mal, sag‘ ich, stell‘ Dich heut‘ Nachmittag doch mal in die Garten und winke – ich seh‘ Dich dann auf meinem Vorbeiflug auf Google-Earth!)

HAL, werde ich träumen?

Spreche ich heute mit jemandem darüber, fallen ihm die Verkehrungen schon kaum mehr auf. Ja ist es denn ein Wunder? Oder etwas in ihm merkt kurz auf wie über einen dieser Irrtümer des Kurzzeitgedächtnisses, wenn er in die Küche geht um eine Tasse zu holen, die auf seinem Schreibtisch schon steht. (Oder hatte ich das geträumt?)

Man fühlt sich wie in einer der Welten von Philip Dick, aber nicht mit einem Text als Schöpfer (darin den Protagonisten ihr Leben ja auch nicht gehört), sondern mit den ihm zuarbeitenden Apparaten. (Und überhaupt: can-an-algorithm-write-a-better-news-story-than-a-human-reporter?) Dabei kommen wir, wie man schon lange wissen kann, beider Verwirklichungen, denen von Dick wie denen von Google, tatsächlich jeden Tag ein Stück näher.

Wir sehen uns dann dort!

 

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Paketpostamtwiese.

 

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