Archiv

Archiv für den Monat März 2017

Vor mir die junge, einzeln gehende Muslima in einem dieser schwarzen Gewänder zu einem Kopftuch, deren korrekte Bezeichnungen ich mir nie merken kann – es auch nicht wirklich will: Auch ich spüre manchmal, weniger gegen diese Sorte Kleidung an sich als gegen ihre Idee von Reglementierung, gegen ihre Anmaßung von Strenge, eine impulsive Abneigung.

Hier aber gibt sie einmal einem Gang und einer Haltung nicht nur etwas geradezu Elegantes, sondern hebt die Trägerin auch deutlich ab von den anderen mittäglichen Frauen auf der Bilker Allee in ihren öden, uniformen Jeans- & Stiefelkombinationen – und dann hat sie in dem leicht ungelenk wirkenden, leicht gezierten mädchenhaften Aufsetzen ihrer Füße auch noch etwas von U.

Als ich nach einem Wechseln der Straßenseite das zweite Mal hinter sie zu gehen komme und rasch aufhole, erkennen meine Augen weitere Vorzüge: Es setzt dieser blickdichte, aber locker fallende Stoff nicht nur ihre Schlankheit in Szene, sondern auch die aufblitzende Nacktheit ihrer Knöchel, sowie ihre Kurven da, wo es Kurven braucht – alles etwas anders als gelernt, aber durchaus reizvoll.

Bevor sie ganz enteilt, spreche ich sie an und frage sie, wie ihr Parfüm heißt, das mir schin im ersten Gewahren angenehm in der Nase wehte. Es ist light blue, und sie spricht auch D & G englisch aus, und das Kompliment, das ich ihr mache, hebt ihr noch ein wenig mehr das Kinn – obwohl mein Gefühl mir sagt, dass sie es eh erwartete.

Ihr Gesicht ist nicht wirklich schön, doch gewinnt es mit diesem Ding – es heißt, glaube ich, Hidschab – und bekommt Konturierung, durch das, was ihr weggenommen ist. Und wirkt damit auch ein wenig nackter.

Und außerdem zeigt es seine Aufhellung in meinem sie unverstellt würdigenden Blick, und auch sie begegnet meiner Freundlichkeit durchaus offen: Sie spürt hinter meinem Interesse sowohl die Formwahrung wie die ihr persönlich geltende Anerkennung, und es ist klar, auch sie will sich, vor allem sozial Gelernten, als Frau gewürdigt wissen.

Als sie längst in einer Nebenstraße verschwunden ist, wird mir klar, dass sie, seit dem ersten Einanderbemerken – abzulesen in dem flüchtigsten Seitenblick, in einer winzigen, dann überspielten Orientiertheit zu mir hin, in einer unwillkürlichen Angleichung der Schrittgeschwindigkeit -, meine latente Aufmerksamkeit für sich womöglich viel früher gespürt hat, und dass sie die ganze Sache intuitiv gleich irgendwie unter ihre Regie bekam. Ich bin nur der, der alles richtig befolgte, und das macht die Sache noch im Nachhinein vor allem wegen ihrer Dezenz zu einer gelungeneren (als es mit der habituellen Direktheit der sonst hier vorkommenden Frauen denkbar ist).

 

 

Advertisements

(Nachtrag III)

Monas Mutter, schließlich

Schließlich zeigte sie mir ihre
in einem Koffer überdauernden Yé-Yé-Platten,
die Alben für die Kaugummi-Sammelbilder plus
die gesammelten Aushangfotos zu den High-Life-
Schnulzen und Melodramen damals ab 18

Für mich stammte all das aus einem Alter wie
von jenseits und weiter weg, aber der Staub,
der sich auf sämtliche Dinge des Lebens legt,
sagte mir, auch ich würde ihn einst wieder atmen

Und ein paar Sachen hatte ja sogar ich noch
mitgekriegt. Ahoi-Brause, der erste Farbfilm,
San Remo und überhaupt die lärmige Fröhlichkeit
der Italo-Schlager, in winzigen Eisdielen Mädchen
in großgepunkteten Kleidern, das Leeregefühl
sonntags bis zum Run auf die Mitkämpferlogen
beim Stürmen des Rather Waldkinos

Liegts nur am Pfeil der Zeit wie Glück
für manche stets vergangen ist?
Und alle Jäger sagen, dass sie immer
nur zum Wohl der Tiere töten

Ich dachte unter den Alten manchmal an
die Art Namen, die man auf Grabsteinen liest,
und es kommt einem in den Kopf, was
eine Odelia oder eine Milla mal
für ein exquisites junges Ding gewesen sein mag

Na weißt du, sagte Monas Mutter zu mir,
man kann sich immer für sein Leben auch
belächeln lassen. Oder schließlich mit ihm
traurig sein auf eine Art, die es einem
ein bisschen leichter macht

 

 

%d Bloggern gefällt das: