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Archiv für den Monat Dezember 2016

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(Fundfoto: anonym)

Es ist ein Winter in der Zeit, als es Winter noch gab, das heißt, für hiesige Verhältnisse – niederrheinische Tiefebene – ist es kalt: mehrere Grad unter Null. Aber das macht mir nichts. In dem alten Haus, in dem wir wohnen, halte ich es aus in dem ehemaligen Etagenklo eine halbe Treppe tiefer, das jetzt als Abstellkammer für Reinigungsmittel und Besen dient und Momente des Alleinseins außerhalb der überhitzten Wohnung ermöglicht, für was auch immer.

Gerade schaue ich in der riesigen, uralten Pappel vor dem Fenster nach dem Gehusche von Vögeln, die jetzt in der Kahlheit besonders gut zu sehen sein müssten. Manchmal tschilpen auch ein paar Meisen oder es gibt weiter oben ein kurzes Hähergezänk, aber anscheinend wirken diese vor Sattheit ereignislosen Weihnachtsfeiertage mit ihrer Erpressung zur Verhaltenheit auch auf die Vögel. Das Haus, der Hof unten, das ganze einigermaßen weite Gartengelände dahinter, alles bleibt auffällig still.

Meine Absonderung hat längst eigene, wenn auch noch halb kindliche, halb versponnene Züge und Zeichen. Dazu in der auch noch schwach magischen, zur Heimlichkeit anstiftenden Welt der Feiertagsverschwiegenheit, der auch sonst eigenlebigen Hausgeräusche. Im Frühjahr, bei offenen Fenstern, gibt es das Flattern auf dem Speicher. Im Sommer das Baumrauschen, die summenden Schwebungen über dem Dach, die durchdringende Schreie der Mauersegler und das Barfuß-Tappen von Sieglinde, wenn sie Wäsche aufhängen kommt. Und jetzt ist wieder die Zeit der Windjammer im Kamin, des Ächzens im Gebälk, des leisen Klappen von Tapetentüren im morschen Traum von irgendwem, darin das Haus lebt, arbeitet, in meinen Phantasien nach Belieben wandert, zum Mausbau schrumpft oder sich auswächst zum Vogelhorst. Und so muss sie viel früher einmal angefangen haben, diese heimliche Lust in mir, das Leben der anderen zu verpassen.

Ich weiß vage, dass es lächerlich ist, wie ich mich verhalte, und fürchte ein bisschen, dass meine Eltern das Falsche an Grund annehmen, weshalb ich mich derart lange außerhalb meines warmen Zimmers aufhalte. Aber ich will auch raus aus der Absonderung, will mich ein bisschen an der Kälte entzünden. Ich will ein Beobachter sein, oder mich zumindest darin jetzt ein bisschen üben.

Vor ein paar Wochen, im Herbst, hat mich unter dem Auffliegen einer Wolke Stare auf einem Feld so eine gewisse Art Schwindel erfasst, und auf einer gewissen Frequenz klingt und schwingt in meinem Kopf noch etwas davon nach. Ich ahne, wie das etwas aus der Zerfahrenheit wie aus der schieren Unzahl der Vögel wie auch der kurzen akustischen Phrenesie gewesen sein muss. Aber etwas für solche Dinge Empfangs- oder Überwältigungsbereites in mir kommt über etwas mir außerdem daraus Vermitteltes nicht ganz weg.

(Ähnliches wird mir später im Leben immer wieder passieren, als eine Art mentales Kammerflimmern, als Schwebung und vorübergehende Regellosigkeit im Kopf. Einmal während des zum Herzstocken schwarzen, zuerst nur in den Augenwinkeln erspähten, dann wie über mich hereinbrechenden Aufflatterns einer Brueghel‘schen Winterszene auf einem Friedhof in Wien. Ein andermal in Münster auf der Promenade, über einem Anflug wie von Levitation und Selbstausstreuung durch einen luftgeistigen Schwarm Meisen direkt über mir. Und immer wieder mal das alle inneren Routinen kurz aufstörende Schwirren über den Dachkammern, in denen ich dann wohne. Und sind das, zwischen Hinreißungen und Herzaussetzern, auch Momente für einen Einfall an Heiligem Geist? Oder nur solche, in denen ich fürchte, wie etwas an Spleen oder seelisch Flatterhaftem in mir dem allzu leichtfertig entgegenkommt?)

Dafür ist Gesang von Vögeln für mich neuerdings genau das: Gesang. In meinen ausgedehnten Garten- und Streunerrevieren eine Art Radio für irgendwie bipolaren Freiheitsempfang: einerseits eine luxuriöse Vielfalt von Stimmen, andererseits diese nistkastenmäßige Schmalbandigkeit. Aber ich bin auch schon entfremdet: Manchmal fühle ich so was wie eine heilige Scheu, wenn ich wenn ich auf ein belegtes Nest stoße und damit auf einen irgendwie mir eine unbekannte Achtung gebietenden Bereich. Denn eine andere Befürchtung in mir ist, wie demnächst meine eigene kleine Absonderung bedroht sein wird in dem, was mit dem Älterwerden als unwillkommene Forderungen nach mir greift.

Ihre Käfigvögel sollen die als Kind vereinsamte Maria Callas zum Singen gebracht haben. Nur mir selber ist, mich auszudrücken, kein Schnabel gewachsen. Dafür habe ich angefangen, Vogelfedern zu sammeln und für die Suche danach in Hecken und Böschungen und noch ins Unwegbare zu klettern. Meine Eroberungen klebe ich zu einer Art Schamanenmantel auf die mir von einem Nachbarn überlassene Anglerweste in einem frühen Nato-Grün. (Habe ich von Beuys damals schon gehört? Merkwürdigerweise denke ich in dem Zusammenhang immer an Saint-Exupéry. Möglicherweise geht es beim abgestuften Sortieren der Federn um Farbenlehre, beim Gestalten des in mir Gestaltlosen um Ästhetik als seelischen Aufflug, als Schwingenersatz: Little Wing. – Aber dann gebe ich das auf. Ich würde die Weste ja doch immer nur für mich allein tragen können, will aber auch mir selbst gegenüber kein Spinner sein. Oder es fehlt mir eben an Durchhaltevermögen, am wahnsinnigen Element.)

Zum Geburtstag habe ich einen großartig bebilderten Band Vogelkunde bekommen und will die Tiere jetzt aus eigener Anschauung sehen (sind sie in Wirklichkeit auch oft enttäuschend graumäusig). Ich phantasiere sogar darüber, später mal Vogelkundler zu werden, weil ich mir vorstelle, dass man dazu die ganze Zeit draußen sein und also mit guten Gründen herumstreifen, sich am Lebendigen erquicken und kleine Beobachtungsabenteuer erleben kann.

(Auch später frage ich mich noch eine ganze Zeit lang, ob das nicht, in Form eines Biologiestudiums, eine ernsthafte Option wäre, wo mir doch demnächst eine Entscheidung darüber abverlangt werden wird – ich habe sonst nicht den Hauch einer Idee von einem Beruf: Wie komme ich als vor allem Unfertiger zu einem derart folgenschweren Entschluss? Müsste es nicht mich irgendwie berufen? Wie wird man erwählt? Wenn ich von den wohl wirklichkeitsbezogenen, aber ernüchternd prosaisch klingenden Berufsvorstellungen der anderen höre, erschreckt es mich jedes mal: Ein Leben auf immer in derselben Einfalt derselben Branche? In einem Büro? Und bin denn nun ich kühner in meinen Wünschen? Oder im richtigen Leben nur im Hintertreffen und ein bisschen zu früh zu hoffnungslos? Ich bin, als spät im Jahr Geborener, nur bei der ersten Einschulung noch mit rübergerutscht, und meine, je nach Sicht, Nachzüglerei oder kalendarische Frühreife wird mich auf immer prägen.)

(Und auch das noch: nachdem ich im Laufe meines Lebens in Berufen gearbeitet habe, die es heute so gut wie nicht mehr gibt – oder wegen der Computerisierung nur noch mit einem arg simplifizierten, von jedermann zu erfüllenden Anforderungsprofil -, bin ich auch erleichtert darüber, das mit der Ornithologie gelassen zu haben: Zwar will ich mir immer noch einbilden, dass es mich hätte erfüllen können. Aber ich ahne auch, dass bei den dramatischen Aussterberaten noch der gewöhnlichsten Hausvögel heute mit bis zu 90%! auch das anfangs damit verbundene Glück sich später als ein prekäres, ein schließlich nur noch entmutigendes entpuppt hätte.)

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In der Klasse schwärmen sie jetzt alle von dieser neuen französischen Sängerin – Wachspuppe, Sprechpuppe -, aber ich finde sie klebrig, und für mich klingt in ihrem Stimmchen manchmal etwas Schrilles an. Oder kommt das vom Playback? Macht eine ihr Begreifen übersteigernde Mechanik um sie herum sie zur Konserve? Doch zwingt es auch mich immer wieder hinzuschauen, wenn sie im Fernsehen in ihrem fad-hübschen, ausdrucksarmen Zahnarzthelferinnengesicht diese winzigen, einen Glanz auflegenden Mädchensachen macht, als hätten sie in ihr eine Herkunft. Ein Lockvogel hinterm Berg ist besser als zwei verdruckste Turteltauben auf dem Dach, aber wie hat es als derart Unfertige denn sie erwählt? Immerhin der Text gibt zu denken (Die Hitze der Jungs). Wachspuppe, Aufsagepuppe. Wie kann es das himmelschreiend Falsche sein, das so viele Leute wähnen zu lieben?

Aber entspricht das oft erbarmungswürdig Simple der Lieder nicht überhaupt einer Verlegenheit, die darin nachgesungenen Worte als Platzhalter für das eigene, meist so wort- wie hilflose Fühlen zu dulden? Doch ergeben sich damit auch immer öfter erste Abstraktionen. Places I remember. In my life. The word.

(Manchmal fallen mir in Büchern Wörter auf wie Brosamen und Wintersperl, solche, die kein Mensch um mich herum je benutzt, die in mir aber flattrige kleine Aufmerksamkeiten bewirken, wenn auch womöglich spinnerte wiederum, die neben der Grenze zur Anverwandlung eine naive, kreatürliche Sympathie mitmeinen gegenüber Wesen mir schwarz-perlenden Augen, leyergeschwänzten Fittichen und einem Talent zum Produzieren von harmonisch klingenden Intervallen und winzigen Melodien. Meine Investitionen in Vogelfutter gelten ebenso wie der spiegel-neuronischen einer spleenigen, assisihaften Pflicht gegenüber Lebewesen, die an etwas in mir rühren, das selber beschützt gehört.)

Zwischendurch gehe ich mich dann doch mal aufwärmen und höre auf meinen kleinen tragbaren Plattenspieler auch rasch noch mal die B-Seite, I‘m free. Das Glanzlose, die höhepunktlose Beständigkeit bei dieser Nummer ist es, die mich anspricht.

(Später wird die Platte als eine meiner ältesten immer leicht eiern, weil sie länger unter einen Stapel Bücher gerät, aber das stört weiter nie: Es scheint darin ein Moment auch der Stetigkeit selber, des verlässlichen Überdauerns gespeichert, wie bei einer Maschine, die immer noch mal anspringt. Und noch einmal. Und ist das nicht überhaupt die Qualität dieser alten, nie ganz zu erschöpfenden Musiken, die nicht mal herausragen müssen, wenn sie nur im rechten Moment genug eingängig sind?)

Zur A-Seite hat Peter Köhler neulich zu mir gesagt: Weißte, was das heißt?, und dabei eine komische, sich anzüglich-wissend gebende Bewegung mit der hohlen Hand über seinem Schritt gemacht. Aber noch mehr wunderte ich mich über seine Selbstverkennung, weil gerade ihm beim Übersetzen schon mal groteske Fehler unterlaufen (the eastern plaines = die Oster-Flugzeuge) und er auch sonst nicht gerade eine Leuchte ist. Dafür weiß er schon ewig, was er werden will, nämlich Chemiker, wie sein Vater, der bei Henkel das Persil in den Bottichen rührt. Die Taube auf dem Dach ist besser als der Spatz auf dem Dach. So einfach also kann das Leben sein.

Aber wer die Andeutung nicht versteht, der braucht auch keine Erklärung. Mein vermeintliches Zurückgebliebensein und der Vorwitz der anderen, die sich oft selbstgewiss zu geben verstehen, auch wenn sie gerade unverstellt blöd sind, verunsichern mich oft doppelt. Aber ich bin eben leicht zu beeindrucken, und fange gerade erst an zu ahnen, wie das Meiste im Leben eine Sache lediglich von den dazu infrage kommenden Haltungen sein wird, vor allem von dem einen Talent, sich immer einen passenden Anschein zu geben. Vor allem das ist es, woran es mir vorläufig fehlt. Wer werde ich sein? Ich ahne, ich bin nur bedingt frei, um was immer zu tun oder was immer zu wählen. Muss ich es mir nur selber genug einreden? Love me, hold me. Ich bin gerade dreizehn geworden.

 

 

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(Auszug aus „… zwölf, dreizehn, vierzehn.“)

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