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Archiv für den Monat März 2013

Hinweis auf eine aktuelle Ausstellung über Michelangelo Antonioni

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N. N., eine Frau aus der Nachbarschaft, die ich vor Jahren mal zum vagen Vorbild in einer Novelle gemacht habe, sitzt auf einmal in der Tür ihres Balkons in der morgendlichen Märzsonne, wie ich sie nie vorher sah: In eine nikolausmantelrote Decke gehüllt, gesichts-zerknittert wie eine alte Indianerin. Und ich frage mich unwillkürlich, ob ich nicht – die Geschichte steht eh demnächst an zur Bearbeitung – völlig neu über sie nachdenken müsste.

Dabei müsste ich auch diesen Effekt schon kennen: Ich habe sie, die reale Person, schon als ähnlich diversen, dabei sich widersprechenden Figuren gesehen – aber auch nur diese Namen zu nennen, wäre jetzt zu verräterisch. Mir schwant seit einiger Zeit, dass ich, der gewidmete Beobachter, im fundamentalen Abstand auch des Beobachters, doch zu wenig Distanz zu ihr habe und vielleicht wirklich noch mal neu nachdenken muss: Nur womöglich eher über meine eigene, in Teilen ein wenig selbstherrliche Schöpfung.

Denn andererseits weiß ich mittlerweile eigentlich schon wieder viel zuviel über sie: Sie, die nie auftauchte im Internet, hat mittlerweile eine eigene Seite und ich könnte nun Etliches über sie, das ich erfunden habe, durch Wirkliches ersetzen und plausibilisieren: wo sie herkommt (sie ist manchmal länger nicht da, sie hat zwei Wohnsitze), was sie da manchmal nachts macht (sie ist Künstlerin und arbeitet mit Belichtungstechniken, deren starke Quellen manchmal weithin über die Gärten strahlen), und noch so Einiges mehr – ich kann mir also einige der Rätsel, die über die Jahre so anfielen erklären. Und all das behielte im Text auch sicher noch genug an „Geheimnis“.

Tatsächlich ist sie seitdem ich Konkretes über sie sammele – sie gehört eigentlich nicht zu den zwei, drei Lieblingsobjekten, die ich, zumindest gewohnheitsmäßig immer noch, umkreise – viel interessanter geworden. Interessanter als in dem, was ich ihr (wenn auch nur als Neben-Nebenfigur) angedichtet hatte. Und auch jetzt erkenne ich erst mit Verspätung, warum sie auf diese ein bisschen klägliche Art dort sitzt: Sie ist schwer erkältet – wie ich selber (nachdem ich es schon sich bessernd glaubte) gerade auch.

Gleich wachsen wieder meine bereits seit Längerem auftretenden Zweifel am vermuteten Vorzug des Beobachters (gegenüber dem, der sich einlässt). Jede Perspektive schöpft ihre eigenen Einsichten und eben auch eigene Blindheiten. Das klingt als Einsicht seinerseits banal, man muss es sich aber, vor allem, wenn man sich – hindurch Ort und Zeit und Nachdenken und etliche Durchgänge an Formungen – in mehrfacher Übersicht (= Überlegenheit) glaubt, immer wieder mal sagen.

Ich weiß so gut wie nichts.

Doch kann ich mir sagen, dass das gut ist, muss ich doch eh einige Dinge neu beginnen. Auch die Märzsonne kreist weiter um den strahlenden Tag und die Unaufgeklärtheiten auf Erden, und demnächst wärmt sie auch mich.

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Freitag, auf der Rückfahrt von H., in der U77 eine junge Mutter.

Mal seit langem wieder eine dieser Schönheiten, von denen man meint, sie blieben einem für immer, und dann kann man das Moment an Unfasslichkeit an solchen Gesichtern doch nicht halten: Es sprengt das Gewöhnliche um einen herum eben zu sehr. Dazu kam, dass sie als „Migrantin“ etwas zwar nicht Exotisches, aber doch etwas hier Ungeläufiges ausdrückte – etwas, wenn man so will, Ungebrochenes. (Ich kam schließlich darauf, die Herkunft der Frau entweder im Iran oder irgendwo im mittleren Osten zu vermuten.)

Sie hatte etwas von der jungen Sophie Marceau, aber stiller, introvertierter; und schien, selber jung, dabei zugleich schon ganz in der uralten Souveränität der Mütter, die ihre Weise der Hinwendung zum Leben, ihren Raum der erfüllten Liebe gefunden haben.

Ich weiß, es ist, wenn nicht schon ganz unstatthaft, vermintes Gelände, heutzutage über Frauen biologistische Aussagen zu machen. Aber in manchen Situationen zeigen sich Konstanten, drücken sich ewige Gültigkeiten des Menschlichen auf eigensinnige Weise aus. Oder manche Aspekte solcher schwierigen Dinge wie Weiblichkeit oder „Mütterlichkeit“, über die man sonst kaum je nachdenkt, offenbaren sich einem plötzlich als etwas viel zu lange Vernachlässigtes, und sei es, weil es einen an eigene affektive Räume erinnert, an eine verlorene Fraglosigkeit, deren Qualitäten dann kurz um so stärker hervortreten als die Skrupel um unversehens albern scheinende, neumodische Bedenken. Ich formuliere also: Diese schöne junge Frau erschien als Mutter noch einmal so schön. (Und wie viele jüngere Unterschichtenfrauen werden dadurch, dass sie früh ein Kind bekommen überhaupt erst erträglich?)

Es war jedenfalls sehr einnehmend – und ich spürte, wie es mich in ihrer Gegenwart entspannte -, ihre Ruhe über die gefundene Lebensgewissheit und ihre Freude an den beiden Jungen zu beobachten, von denen einer still neben ihr saß und manchmal großäugig zu ihr hoch blickte, während der andere herumturnte, die Fahrgäste kurz mit nachdenklichen Blicken musterte … um sich dann ebenfalls wieder der Verbundenheit mit seiner Mutter zu versichern. Mehrmals küsste sie ihren Kindern nach einem Wort oder einer kurzen Auskunft die Hände. Und das Glück, das sich darin zeigte, eine Verzückung, die sich als Geste ausdrückte, nahm mich noch mehr für sie ein.

(Auch neulich war mir einmal aufgefallen, wie jemand, dem ich nur die linke Seite auf einer Rolltreppe freigemacht hatte, ein junger Typ aus dem arabischen Raum, eine kurze Bewegung mit der rechten Hand zum Herzen vollführte. Natürlich war das nur ein Ausdruck von Dank und dazu denkbar flüchtig, also floskelhaft, und doch hatte es das Einnehmende zur Geste, einer, die hierzulande oft fehlt, da Höflichkeiten oder Rituale schon an nichts mehr [an einmal ursprünglichen Bezug zum Körper] erinnern.)

Beim Aussteigen der kleinen Familie konnte ich die Frau noch einmal ansehen und meinte immer noch dieses Starke bei ihr zu spüren, etwas Unbezweifelbares – dabei ist so was ganz sicher immer auch gefährlich, weil es eine Attraktion für viele und für manche außerdem eine Herausforderung: eine doppelte Gefährdung ist. Aber die hatte sie offenbar bisher nicht erreicht. Schließlich ist allein solche Gewissheit auch schon eine Macht.

Manchmal haben Selbstvergessene oder anderswie Beseligte solche Gesichter, oder auch alte Leute, die ein bestimmtes Wissen erworben haben (eines, das ich durch sein Benennen jetzt nicht klein machen will). Oder spricht aus all dem auch nur mein Bedürfnis nach der Begütigung, in der ich mich lange befand und an der es mir jetzt fehlt? Doppelt gefährdet wie ich offensichtlich gerade bin (oder zumindest beeinflussbar), wünschte ich mir noch den ganzen Vormittag, einmal erreichte es auch mich.

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In einem schon ein paar Tage alten Artikel über Andrzej Stasiuk konstatiert dieser: Um frei zu sein, müsse man einen Verrat begehen. Das leuchtet mir sofort ein (etwa in dem Sinne – und ich hatte das auch früh kapiert, ohne dass ich selber ausreichend dazu in der Lage gewesen wäre [und auch das wusste ich schon von mir selbst] -, wie sich Jean Genet die Konventionen vom Hals gehalten hat).

Doch muss ich auch feststellen, dass ich alle letzten Gelegenheit dafür, sowohl für den umfassenderen Verrat als auch für den „kleinen“, experimentellen zwischendurch, verpasst habe, und ich bin mir nicht sicher, woran das liegt.

Neulich wurde mir bedeutet, ich solle wohl besser weiter nach „Begütigung“ suchen. Doch macht die nicht, unzuverlässig, wie sie einem zuteil wird, nur wieder anderswie abhängig? Andererseits  merke ich, für die bisher ganz gut funktionierenden Muster der Distanzierung – Ungerührtheit, Rückzug, „die wesentliche Einsamkeit“ – ist es auch zu spät.

Ich werde mir also etwas Neues suchen müssen, und ich werde warten müssen, bis sich eine bestimmte Lust darauf einstellt, eine ein klein wenig rücksichtslose, um sie mit etwas mir selber unerklärten Unbedingteren zu verbinden, und ich fange an mich zu fragen, was das sein wird.

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Day tripper

Ihre Ulrike-Meinhof-Sonnenbrille, meine Original-BOAC-Flugtasche.
Unsere Superconstellation: Zwei Singles als Doppel-A-Seite
in der Gültigkeit aller der aus der Zeit Gefallenen.
Oder eben beide hoffnungslos verjährt.
Am Check-In, auf einer schwarzen Schiefertafel,
stand das Menue zur First-Class: Rehrücken wolkenlos.
Wir stellten uns ans Ende je einer Schlange
und warteten, aber niemandem fiel etwas auf.


Es sind diese schmiegsamen Flughafen-Frauenstimmen,
darin jene Distanz, die an die letztgültige Kälte grenzt.
Und wie immer dringlich und doch wie erst ganz am Ende
deines gerade eben zerbröckelnden Traums begreifst du:
Mit allem, was sie aufrufen, meinen sie immer nur dich
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(Gedicht aus dem Buch Haltestellen.)

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one very early morning

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