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Texte im Entstehen

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Der Ort, in dem The Prisoner gedreht wurde, eine hellsichtige Fernsehserie um Überwachung, Kontrolle und Manipulation aus den 1960er Jahren (in D seinerzeit gelaufen [und vor ein paar Jahren von Arte neu ausgestrahlt] unter dem Namen Nummer 6) heißt Portmeirion – und er liegt in Snowdonia, einer nördlichen Küstenregion in Wales.

Schaue ich mir heute Bilder von Portmeirion an, kommt es mir vor wie das Neuschwanstein Englands.

Es wurde schließlich, um es finanziell erhalten zu können, von dem, der es erdachte – einem vermögenden, eigentlich lokal verwurzelten Architektur-Dilettanten -, bald zur Hotelanlage ausgebaut und erweitert, nach mediterranem Vorbild. Ganze Gebäude (und immer wieder auch zu bewahrende Teile von anderen Nutz- und Wohngebäuden) wurden von anderswo abtragen und in dieses bricolagierte Lego-Land transferiert – ein bis in seine Bauelemente dystopischer Ort, eine, obwohl andauernd das Authentische inszenierend, umso entschiedenere Fassade. Im Gegensatz zu Metropolis oder Alphaville aber als ausdrückliche Idylle.

Und dieser Eindruck einer Idylle, einer bestimmten Art anfangs sich ergeben habenden, später sozusagen systemisch gewordenen Künstlichkeit, kommt mir auch jedes mal, wenn ich etwa im ZDF die Fernsehnachrichten anschaue – als würde ich unter dem Vorwand der Information, also eigentlich einer gelinden Formatierung, leicht narkotisiert.

An einem Freitagabend, vor einem weiteren Wochenende ohne Pläne, hat ein Kollege mich einmal ernsthaft gefragt, ob ich mit ihm ins Tokyo Disney fahre. Obwohl auch ich mich damals ähnlich wie er nach Wochen noch nicht akklimatisiert hatte (und vielleicht überhaupt nirgends so fremd gefühlt habe wie in Japan), verstehe ich erst heute, dass er auf eine bestimmte Weise verzweifelt gewesen sein muss.

Leider habe ich erst später erfahren, dass auch dieser Ort, die kleine Stadt Urayasu (ursprünglich ein Fischerdorf), eine interessante Dystopie gewesen wäre mit nämlich nun einer alten Stadt und einer neuen Stadt, mit einer statt japanischen eher amerikanischen Bauweise – sie wäre womöglich auch ohne Micky Maus eine interessante, eine die der englischen New Towns aus den 1960ern vorausgehende Erfahrung gewesen.

Es wird erzählt, es hätte das Anheimelnde von Portmeirion – also etwa schiefe Fachwerkwände und ein Seerosenteich – entsprechende Effekte auf die Besucher (oder es lässt sie zumindest darüber sprechen). Der Bekannte eines Freundes aber hat, als bekennender Sixties-Freund und Fan jener Fernsehserie, seine Hochzeitsreise nach Portmeirion gemacht, und er erzählt, es wäre ihm schon nach wenigen Tagen dort seltsamer vorgekommen als in Las Vegas.

Ich selber habe mich in Las Vegas, trotz gewisser, sozusagen offensiv gesuchter Begeisterungen für die in eine interessante Pseudo-Erhabenheit getriebenen Geschmacklosigkeiten dort, eher an Kirmes und Zirkus erinnert gefühlt, an (zwar kreischende) Ausgelassenheiten für Große, an etwas eher Kleinteiliges aber an Freuden – ohne ein Bedauern fährt man dort nicht weg. Zirkus aber hatte ich als Kind nie gemocht, weil ich immer zu sehr die Traurigkeit der Tiere gespürt waren; Zirkus – das war das immer schon Gebändigte.

Was mich auf den Clown von Northampton bringt, auf jenes subtile, gerade so gern kolportierte und doch nirgends recht festzumachende Moment von Unsicherheit und Bedrohung (wenn es schon sonst nichts Wichtigeres in der Welt gibt: Nicht nur Provinzblätter schreiben darüber). Und es kommt mir fast ein Geruchsreiz wie von Sägemehl. Northampton aber – während meiner Zeit in Milton Keynes sind wir wegen Stuarts Schwester ein paar mal hingefahren – ist umso mehr dieses Nirgendwo, ein Ort sicher auch auf irgendeiner Landkarte, der jedoch schon zu einem flüchtigen Komplexreiz geworden ist, zu etwas Entbundenem.

Abgewandelt könnte man vielleicht sagen: Was in Portmeirion passiert, bleibt in Portmeirion. Trotz meiner Jahre in England – und den Vertrautheiten dort, den Gefühlen von einer Art Heimat, die schon durch etliche Momente aus der Pop-Musik gegeben sind (etwa Death of a clown) -, trotz außerdem durchaus handfester Erfahrungen, hat heute allein der Gedanke an England gelinde zwiespältige, ich bin versucht zu sagen: dystopische Effekte auf mich. Und längst sehnt sich ein sozusagen von daher schon gelösterer Teil in mir öfter dahin zurück.

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Wenn Kohlen geliefert wurden, im Frühherbst, hatte hinterher oft noch für Tage das schwarze Staubfeld vor dem Kellerfenster gelegen und ein etwas bitterer Geruch in der nun kühleren Luft zu unserem Taschenlampenlicht.

Und sehr wohl war mir aufgefallen, wie die Rußköpfe aus der Helle ihrer wie extra aufgerissenen Augen meine Mutter betrachtet hatten, die mit ihrem großen Portemonnaie für die Familienausgaben dabeistand und die Säcke zählte und sich ihre nackten, noch vom Italienurlaub gebräunten Beine begaffen ließ und mit den Männern scherzte, als gehörte das alles dazu.

Eines Tages hatten wir in dem Kohlenstaub die unübersehbaren, wenn vielleicht auch nur mit einem Ast da grob hinein gekratzten Umrisse eines Menschen gefunden – als hätte er sich die Nacht vom Dach gestürzt und wäre dann am Morgen einfach aufgestanden und weggegangen. Auch die Erwachsenen hatten in ungläubigem oder empörtem Ton ihre Vermutungen darüber geäußert, doch hatte man nie herausgefunden, wer aus dem Haus sich einen solchen Scherz erlaubt hätte.

Als ich viele Jahre später – an einer gerade gesperrten Kreuzung, an der sich die Gaffer stauten – auf nacktem Asphalt mal wieder eine solche Umrisszeichnung sah, musste ich sie prompt für unernst halten und die ganze Szene samt der sie gegen uns Vordringende sichernden Polizisten für fast ein bisschen frivol.

Und im Abwenden, das weiß ich noch, war mir dann ein Mädchen an der Hand seiner Mutter aufgefallen, eines, das den Hals gar nicht genug recken konnte nach dem Schlimmeren. Ein Mädchen in Kniestrümpfen und einer Herzchenschürze, alles, dem sie für ihre Körpergröße eigentlich schon hätte entwachsen sein sollen. Ein Mädchen, das aber trotzdem irgendwie simpel lächelnd dabeistand … und dann plötzlich doch auch irgendwie bangäugig den Kopf abwandte und sich umsah – nach mir. Ich verstand die Widersprüchlichkeit meiner Eindrücke nicht.

Und immer noch nicht, als das Mädchen mich nun anlächelte, aber zage, so, wie einen Kinder anlächeln, die, mit zwei Händen auf ein Karussellpferd gesetzt, einen stumm bitten, sie aus einer unerwünschten Verlegenheit oder Bedrängnis gleich wieder zu entheben.

Und dann brauchte es noch einen letzten Moment, bis mir aufging, dass das Kind anscheinend geistig zurückgeblieben war. Und die gesamte Szene eine so gewöhnliche wie eine auf bestimmte Weise überhaupt nicht zufällige war, eine aus dieser gerade im Alltag sich manchmal überraschend auftuenden Übergangszonen von Durchlässigkeit gegen den Alptraum. 


(Aus „Aftermath“)

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Beim Sortieren des über die Jahre so angefallenen Materials (Fundgedichte, Fotos, Objekte) für eine kleine Online-Publikation Die poetische Stadt, die ich gerade zusammenstelle – ich werde sie irgendwann mal hier einstellen -, stoße ich gleich wieder auf mein Lieblingsgedicht.

Frankfurt

Frankfurt
beim Walter
als er den Unfall
gehabt hat und
er war da lange
im Krankenhaus
gelegen, da war
ich lange in Frankfurt.

Fundgedichte Frankfurt

Diese Zeilen wurden von einer alten Frau verfasst, deren Fotonachlass ich einmal kaufte, und es erinnert mich jedes Mal wieder an die Qualitäten etwa eines Ernst Herbecks oder an die sich manchmal beim [automatischen] Übersetzen ergebende Google-Poetry. Qualitäten jedenfalls, die (in der Konvention ja auch des Zusammenhangs des Genialischen mit dem Verrückten so mancher unserer Überdichter, etwa Hölderlin) genuin zur sprachlichen Moderne von Écriture automatique oder Gertrude Stein zu gehören scheinen und nicht so eine Weiteres hergestellt werden können (oder eben nur mit Inspiration und viel Arbeit): Wie bei jedem sein Gelingen nur streifendes Gedicht merkt man jede falsche Stelle sofort.

(Die ganzen Links auf Namen und Begriffe übrigens, weil ich gesprächsweise immer wieder merke, dass ich – zumal mit Jüngeren – über kaum noch einen gemeinsamen Hintergrund mit ihnen verfüge: Die wissen oft von meinen Sachen nix. Die wissen dafür vielleicht was anderes, aber ich, ich werde damit zunehmend alleine alt!)

Diese Frau jedenfalls muss – möglicherweise schon dement – die Angewohnheit angenommen haben, immer wieder ihre Schuhkartons mit Fotos durchzusehen, und, damit sie es nicht vergesse, sich ihr Leben zu erzählen, indem sie immer wieder den Namen, den Verwandtschaftsgrad des Abgebildeten, den Ort, an dem das Foto gemacht wurde auf dessen Rückseite schrieb.

Es gibt Bilder, auf denen sie in ihrer Küchenschürze im Garten steht und man sieht am Rand des Grundstücks das Schild mit dem Straßennamen. Da denke ich gleich, jemand müsse sie mit Bedacht so fotographiert haben. Trotzdem steht auf der Rückseite dann oft dieser Straßennamen noch einmal: Marburger Straße. Oft steht dort aber auch nur mehrere Male: Dieses Foto habe ich gemacht. Das Foto habe ich gemacht. In verschiedenen Kugelschreiberfarben. Und manchmal noch: Es war immer schön. Und eben in der Schlichtheit des Vergewisserungsverlangens liegt auf einmal das Drama, spürt man etwas von Alter und Lebensrückzug. Etwas vom nachlassenden Licht. Von Krapps letztem Band.

Meistens, wenn ich das Besondere einer solchen Foto-Sammlung erfasst habe, sein punctum, trenne ich mich auch wieder davon. Man könnte mit einigem Recht sagen, ich plünderte die Erinnerung der anderen aus.

Man könnte es aber auch so sehen, dass ich im Abfall der anderen, den niemand mehr will – Nachlass wäre ein schönes Wort, meist landen diese Sache aber tatsächlich auf dem Müll -, die wenigen Perlen zu finden und sie zu bewahren suche. Ich bin da selber noch nicht entschieden. Man könnte sagen, mit den Jahren der Beschäftigung mit alten Fotos, mit all diesem „alten Licht“ (Tucholsky), bekommt das immer öfter seine eigene Vergangenheitsschwere, die sich mir manchmal auch auf die Seele legt.

Schlägt sie sich nicht irgendwo medial nieder, taugt die Erinnerung außer für einen selber eigentlich für nichts. Kommen mir sonst diese ganzen Ideen von Existenz-Upload für ein zumindest zerebral verlängertes Leben auch ziemlich albern vor, finde ich doch hin und wieder den Gedanken anziehend, ich könnte einmal mein kleines Lebensfassungsvermögen in die Wolke stellen und dort ab und zu von flüchtigen Geistern gefunden und begrüßt werden. Aber ewiges Seelenleben erlangt man auf solche Weise wohl nicht.

Immerhin kam ich durch diese Frau auch auf die Idee für ein Album ausschließlich mit den Rückseiten der Bilder. Ich habe ja, vielleicht, noch ein paar Jahrzehnte Zeit, aber, kann sein, ich weiß mir manchmal eben auch schon nicht mehr besser zu helfen.

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(Aus „Altes Licht“ – eine Sammlung älterer Blog-Texte zum Thema)
[Die man irgendwann mal tatsächlich mal hier zum runterladen finden wird…]
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