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Manuskripte im Entstehen

Ich erinnere mich gut an den Tag des Rohrbombenanschlags am S-Bahnhof Wehrhahn, zu dem sie vorgestern, nach über 16 Jahren, nun doch noch den Täter geschnappt haben. Den mutmaßlichen müsste man ja korrekterweise sagen, aber ich zweifle nicht daran, dass es der richtige ist, obwohl ich zur Beweisführung nichts beitragen kann. Doch hatte ich mit diesem Typen einmal so etwas wie eine Begegnung, und danach wäre die Banalität des Bösen ist ihm sicher so gut aufgehoben wie in mir.

Am 20. Juli 2000, einem heißen, gewittrigen Tag, hatte jemand die DPA-Meldung in unser Firmen-Intranet gepostet, und ich hatte unwillkürlich denken müssen: Mist, das kommt dir heute Abend in die Quere. Ich war mit Frau S. in ihrem Büro Ackerstraße verabredet, und hätte dazu bequemerweise genau diesen, nun zum Tatort gewordenen rückwärtigen Ausgang der S-Bahnstation benutzt. Seitdem muss ich immer wieder mal, wenn ich heute diesen Ausgang benutze, an diesen Tag denken. Er hatte sich dann allerdings auch aus noch ganz anderen Gründen eingebrannt.

Ich kannte Frau S. jahrelang nur vom Telefon, und wir verstanden uns immer gut, aber herzlich wurde es erst, als ich ihr einmal einen Gefallen für einen wichtigen Kunden tun konnte – und obwohl sie mich immer wieder einlud, und es doch nie zu einem Treffen mit ihr kam, profitierte ich von unserem guten Verhältnis. Einmal, indem es, obwohl längst kein key account, mit ihrem auch meinen Umsatz, und damit meine Position geschäftsmäßig stärkte. Und zum Zweiten, weil es mit ihr ein außerberufliches, ganz eigenes, wenn auch nie erprobtes oder belastetes Einvernehmen gab, eines, das es in der Routine der Tage auch gegen die näheren Kollegen manchmal braucht. Mehr war es über all die Jahre nicht. Und trotzdem hatte es dann noch später solch ein Gewicht.

Zwischendurch hatte mir mal jemand erzählt, wie Frau S. auf einem Branchenfest aufgetreten sei, nämlich in einem echten Jaguarmantel, alkoholisiert, in einem für ihre Art Figur etwas zu gewagten Kleid, und die Haare zu einer mondänen Art Hochfrisur gekämmt, so dass es für manche Leute etwas von einer Provokation gehabt hatte. Man habe sie alternativ für eine Schreckschraube gehalten (die von ihr Erschreckten), für eine vulgäre Person (eher die Frauen) oder für ein Highlight, von dem noch etwas zu erwarten war (die männliche Trinkerriege). Aber dann war an dem Abend doch nichts weiter passiert.

Zuerst hatte mich auch diese Erzählung nicht weiter berührt – Klatsch eben. Und doch muss das damit von ihr übermittelte Bild sich in mir weiter entwickelt und mich unterschwellig neugierig gemacht haben, weil es meinem ersteren, offiziellen Bild von der zugleich wie langjährig bekannten und doch eben fremden Frau im Abschweifen über sie nach und nach ein paar neue Akzente hinzufügte. Nicht wegen dem Tierfell und der Frisur, sondern wegen der Idee, dass Frauen, die sich zu solchen Äußerlichkeiten hinreißen lassen, meist auch noch anderswie zu Exzentrizitäten zeigen, und das war schon immer etwas, auf das ich reagierte.

Aber dann hatten sie mich damals – das alles damals innerhalb ein, zwei Monaten -, der ich für die letzten Wochen in der Firma war, auswärts eingesetzt, ich vergeudete viel Zeit auf Zugfahrten und war dann auch innerlich bereits weg und vergaß das alles erst mal. Für lange.

Jetzt, im Sommer 2000, knapp 10 Jahre später, und aus ganz anderem Anlass – Frau S. schloss ihr Büro und gab deswegen eine Party -, hatte sich, weil ich auf einem Sprung bei einem ehemaligen Kollegen zufällig davon erfuhr und mir spontan einmal den Telefonhörer geben ließ, um ihr selbst einen überraschenden Gruß zu sagen und zu fragen, ob sie sich an mich erinnerte, ein erneuerter, zufälliger Kontakt ergeben und ich die spontane Einladung ebenso spontan angenommen. Es war das auch eine Anknüpfung an nicht unbedingt bessere, aber auch nicht viel schlechtere alte Zeiten.

Die S-Bahnen fuhren gegen sieben, vier Stunden nach dem Anschlag, normal, nur der Ausgang Ackerstraße war wegen den Ermittlungen gesperrt, und ich musste entsprechend den Hauptausgang und dann den Umweg über das Stück Birkenstraße laufen. Kein Problem, und auch kaum Zeitverlust. Dafür wurde der Abend dann einigermaßen denkwürdig. Und dazu mit der Bedrückung, als ich einen Tag später, im ausführlicheren Verfolgen der Nachrichten, die Einzelheiten über den Anschlag, die Umstände und die Mutmaßungen über das für unsere kleine Stadt mehr als außergewöhnliche Geschehen nachgereicht bekam.

Einige Details sind mir auch wegen einer gewissen Bizzarrerie im Gedächntis geblieben. Dass Münzen, die die Schwerverletzten in ihren Portemonnaies gehabt hatten, durch herumfliegende Metallteile verformt gewesen seien. Dass in der vom Täter an einem Geländer nahe dem S-Bahnzugang gehängten Plastiktüte eine bestimmte Zeitung deponiert gewesen sei, um das Detonationsding – es war noch nicht klar, um was es sich gehandelt hatte – darin einzuwickeln, und zwar ein Anzeigenblättchen, ein verhasstes, das auch ich bis heute einmal die Woche trotz Bitte um Verschonung in meinen Briefkasten gesteckt kriege, dass er verstopft.

So brachte dieser Tag eine in mehrfacher Weise so widersprüchliche wie gegensätzliche, in der Katastrophe wie der persönlichen Begegnung mit Frau S. dann ambivalente Betroffenheit mit sich, und blieb tatsächlich unvergesslich.

 

(Anfang eines [neuen] Kapitels der Erzählung „Abstieg in die Unterwelt„)

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Unsere Ideen- wie die Dingwelten, was wir lieben wie auch unsere Gadgets und jede Welten bauende und wieder -stürzende Himmelstürmerei, alles lebt von launischen Beseligungen. Und weil unser Geist meint, die Atome zu lenken, tut er es irgendwann auch. Störe meine Schaltkreise nicht! Nur bleiben wir leider auch immer noch diese etwas tumben Vorweltler, die an ihren Idealen wie an Geräten versuchen, auf die Stufe des von ihnen Erbauten zu gelangen – und immer öfter ist sie ihnen zu hoch. Was wir vermeintlich errungen haben, ist oft das, an dem wir auch wieder scheitern. –

Prometheisches Gefälle, habe ich mal im Scherz zu meiner Mutter gesagt, ist, wenn man seine Samstagabend-Show aufgezeichnet haben will, aber den Videorekorder nicht programmieren kann. Sie behauptete, sie wüsste überhaupt nicht, wovon ich redete.

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Beim Sortieren des über die Jahre so angefallenen Materials (Fundgedichte, Fotos, Objekte) für eine kleine Online-Publikation Die poetische Stadt, die ich gerade zusammenstelle – ich werde sie irgendwann mal hier einstellen -, stoße ich gleich wieder auf mein Lieblingsgedicht.

Frankfurt

Frankfurt
beim Walter
als er den Unfall
gehabt hat und
er war da lange
im Krankenhaus
gelegen, da war
ich lange in Frankfurt.

Fundgedichte Frankfurt

Diese Zeilen wurden von einer alten Frau verfasst, deren Fotonachlass ich einmal kaufte, und es erinnert mich jedes Mal wieder an die Qualitäten etwa eines Ernst Herbecks oder an die sich manchmal beim [automatischen] Übersetzen ergebende Google-Poetry. Qualitäten jedenfalls, die (in der Konvention ja auch des Zusammenhangs des Genialischen mit dem Verrückten so mancher unserer Überdichter, etwa Hölderlin) genuin zur sprachlichen Moderne von Écriture automatique oder Gertrude Stein zu gehören scheinen und nicht so eine Weiteres hergestellt werden können (oder eben nur mit Inspiration und viel Arbeit): Wie bei jedem sein Gelingen nur streifendes Gedicht merkt man jede falsche Stelle sofort.

(Die ganzen Links auf Namen und Begriffe übrigens, weil ich gesprächsweise immer wieder merke, dass ich – zumal mit Jüngeren – über kaum noch einen gemeinsamen Hintergrund mit ihnen verfüge: Die wissen oft von meinen Sachen nix. Die wissen dafür vielleicht was anderes, aber ich, ich werde damit zunehmend alleine alt!)

Diese Frau jedenfalls muss – möglicherweise schon dement – die Angewohnheit angenommen haben, immer wieder ihre Schuhkartons mit Fotos durchzusehen, und, damit sie es nicht vergesse, sich ihr Leben zu erzählen, indem sie immer wieder den Namen, den Verwandtschaftsgrad des Abgebildeten, den Ort, an dem das Foto gemacht wurde auf dessen Rückseite schrieb.

Es gibt Bilder, auf denen sie in ihrer Küchenschürze im Garten steht und man sieht am Rand des Grundstücks das Schild mit dem Straßennamen. Da denke ich gleich, jemand müsse sie mit Bedacht so fotographiert haben. Trotzdem steht auf der Rückseite dann oft dieser Straßennamen noch einmal: Marburger Straße. Oft steht dort aber auch nur mehrere Male: Dieses Foto habe ich gemacht. Das Foto habe ich gemacht. In verschiedenen Kugelschreiberfarben. Und manchmal noch: Es war immer schön. Und eben in der Schlichtheit des Vergewisserungsverlangens liegt auf einmal das Drama, spürt man etwas von Alter und Lebensrückzug. Etwas vom nachlassenden Licht. Von Krapps letztem Band.

Meistens, wenn ich das Besondere einer solchen Foto-Sammlung erfasst habe, sein punctum, trenne ich mich auch wieder davon. Man könnte mit einigem Recht sagen, ich plünderte die Erinnerung der anderen aus.

Man könnte es aber auch so sehen, dass ich im Abfall der anderen, den niemand mehr will – Nachlass wäre ein schönes Wort, meist landen diese Sache aber tatsächlich auf dem Müll -, die wenigen Perlen zu finden und sie zu bewahren suche. Ich bin da selber noch nicht entschieden. Man könnte sagen, mit den Jahren der Beschäftigung mit alten Fotos, mit all diesem „alten Licht“ (Tucholsky), bekommt das immer öfter seine eigene Vergangenheitsschwere, die sich mir manchmal auch auf die Seele legt.

Schlägt sie sich nicht irgendwo medial nieder, taugt die Erinnerung außer für einen selber eigentlich für nichts. Kommen mir sonst diese ganzen Ideen von Existenz-Upload für ein zumindest zerebral verlängertes Leben auch ziemlich albern vor, finde ich doch hin und wieder den Gedanken anziehend, ich könnte einmal mein kleines Lebensfassungsvermögen in die Wolke stellen und dort ab und zu von flüchtigen Geistern gefunden und begrüßt werden. Aber ewiges Seelenleben erlangt man auf solche Weise wohl nicht.

Immerhin kam ich durch diese Frau auch auf die Idee für ein Album ausschließlich mit den Rückseiten der Bilder. Ich habe ja, vielleicht, noch ein paar Jahrzehnte Zeit, aber, kann sein, ich weiß mir manchmal eben auch schon nicht mehr besser zu helfen.

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(Aus „Altes Licht“ – eine Sammlung älterer Blog-Texte zum Thema)
[Die man irgendwann mal tatsächlich mal hier zum runterladen finden wird…]
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