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Gedichte

(Nachtrag III)

Monas Mutter, schließlich

Schließlich zeigte sie mir ihre
in einem Koffer überdauernden Yé-Yé-Platten,
die Alben für die Kaugummi-Sammelbilder plus
die gesammelten Aushangfotos zu den High-Life-
Schnulzen und Melodramen damals ab 18

Für mich stammte all das aus einem Alter wie
von jenseits und weiter weg, aber der Staub,
der sich auf sämtliche Dinge des Lebens legt,
sagte mir, auch ich würde ihn einst wieder atmen

Und ein paar Sachen hatte ja sogar ich noch
mitgekriegt. Ahoi-Brause, der erste Farbfilm,
San Remo und überhaupt die lärmige Fröhlichkeit
der Italo-Schlager, in winzigen Eisdielen Mädchen
in großgepunkteten Kleidern, das Leeregefühl
sonntags bis zum Run auf die Mitkämpferlogen
beim Stürmen des Rather Waldkinos

Liegts nur am Pfeil der Zeit wie Glück
für manche stets vergangen ist?
Und alle Jäger sagen, dass sie immer
nur zum Wohl der Tiere töten

Ich dachte unter den Alten manchmal an
die Art Namen, die man auf Grabsteinen liest,
und es kommt einem in den Kopf, was
eine Odelia oder eine Milla mal
für ein exquisites junges Ding gewesen sein mag

Na weißt du, sagte Monas Mutter zu mir,
man kann sich immer für sein Leben auch
belächeln lassen. Oder schließlich mit ihm
traurig sein auf eine Art, die es einem
ein bisschen leichter macht

 

 

Ein Eimer Rosen vor der Kaufhalle
und Jenny in ihrem Armeeparka
als die schiere Auflehnung am Stand

Dreifünfzig die Stunde neben einem Ausrufer
für Korb- & Bürstenwaren aus der Blindenwerkstatt
ist sie zwischen all den grauen Leuten
das Blühen von nervösem Ausschlag,
geschieht ihr das Recht vom Amt

Und alle aus ihrer Clique kommen
gaffen lachen rauchen balancieren auf der Lenkstange
verstellen den Durchgang neben dem Automatenpferd

Stinkblumen sollt Ihr kaufen
La la la
Der Korb siegt über den Blätterhaufen

Das andere Mädchen an der Softeismaschine
    ihre strenge Nackenlinie
    ihr Pullover straff über dem Kegel-BH
    wie früher in den Schwarzweiß-Krimis
    bei den sexy Sekretärinnen des Kommissars
stellt ihre Füße ganz eng zusammen
und schaut eisern in die neue Joy auf ihren Knien

Der Korb füllt sich mit Widerwillen
Im Tempel die Geldverkäufer die Wechsler
Zugig der Warm- wie der Frischluftvorhang
Bitter das Kraut und die Weiden

.

(Versuch über das Pilot-Gedicht …
eine Flugschreibung, Stoff & Sammlung / erster Entwurf)

 

„Auswertung der Flugdaten“

       

Lubitz, Du verkapselte black box
geheim versehrte Seele unter Signalabfrage:
Im Falle des Versagens als Ganzes auszutauschen

     Souverän ist wer über den Ausnahmezustand von anderen bestimmt?

Auch ich war ein Pilot einst zwischen Eiswürfeln
Polkappen augenblicklicher Schmelzen zwischen Drinks
& Instantpulver im Blut Kälteschutz und Kerosin

    – nur hat es mich nie an ein Steuer gedrängt

Aber zwischen Hyperbolik und Größenwahn doch zu vollem Stoff („Flugbenzin“)
 

Rechts die Barentssee links der Ostafrikanische Graben
Aller Welt unser Höhen-Ich wie aus dem Weltraum gesehen
Nur wo ist da noch das Erhabene Raum wie nichts sonst
in leichtem Unterdruck die Un/Lust des wohltuend all uns
Zwingenden das all uns lenkt und rasend übersteigt?

        Up there’s a heaven Down there’s a town
        Blackness everywhere and little lights shine

Kontaktverlust 10:41h.
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

       

        Und kann das letzte Unteilbare heroisch sein?
        (oder rasende Beweggründe niedrig?
        oder sind sie sämtlich idiotisch?)

        Einmal galten Piloten als Pioniere der Moderne –
        heute sind sie wie Busfahrer im Pendelverkehr
        bleibt ihnen Ich-Terrain als Landgewinn.
        Die Auffassung über uns übrige Psychos ist
        wie gerade das immer wieder Unausdenkbare / das Extrem /
        das sich hervorzutun drängende Ich Einzelner
        das Weltverständnis erweitert

        (So wie der Kapitalismus am lebenden Objekt /
        am offenen Herzen aus seinen Krisen lernt:
        Der Fortschritt sitzt ohne Empathie am Joystick
        und operiert telemetrisch das Zucken des roten Muskels
        von Reiz Reaktion und nicht an sich haltender Vernunft)

       

Überflieger im code sharing von Apparat & Seelenverschaltung
Knoten in einem Verkehrsnetz das die Welt nicht berührt
streifen wir Küstenlinien Fraktale im Sinkflug schroffe Materie
und ein schwarzer Kasten fernmeldet Feindgerät –

Und dann ist da weit und breit keine Botschaft
nur die stille Bahn von Raumschiff Erde
lichte Gipfel Verzweiflung und ein signal lost
Auch du bist ein Pilot am Ende

           

    Nein, Bruder Lubitz, in deiner Box ist kein Geheimnis
    nur SIGINT das Selbstmonitoring derselben alten Schwärze
    in uns beschlossen die guten alten Kräfte
    Schrecken, Gewalt und Herrlichkeit in Alarmrot
    (und am Ende ist auch wieder alles analog)

    Den anderen auf ihrer Flughöhe der Fußgänger
    gebucht auf Amnesia Airlines & breaking news
    bleibt das Unbegreifliche in immer kleinere Begreiflichere
    zerlegt Schallaufnahmen Schuhkartons abgeworfen
    als immer neue schwarze Kisten das Ungeduldspiel
    der eintreffenden Meldungen die Geschehen
    unter exorbitalem Extremdruck gestaucht

    Ein Jeder ein Vermessener Haaresbreiten von
    eigenen Hemisphärenkurzschlüssen entfernt ist uns
    die Menschheitsdämmerung Unterhaltung alle Daten
    kommen als audience flow & deep packet inspected
    – und wir wissen immer noch nicht was uns passiert

    Die Landkarten werden zu unserer Landschaft und
    die Tatsachen zu einer Art Top Gun im Datenraum
    Das haarscharfe Verpassen im Thrill zu den Extremen hin
    tuned uns zum Ausnahmezustand als neues normal high
    Nur bleiben wir zwischen Bruchlinien der Metrik Fragmente
    follower Vorhergesagte Bündel von Schmerz predictives
    Pings auf unser eigenes Schwindel-Ich

           

            (the clear blue skies over Germany)

           

    Und noch das Finale scheint immer öfter subtil entwertet
    Zuletzt doch enttäuschend unsere Maschinen für Helden über
    mitteln sie uns nur ihr Schweigen und ihre Atemfrequenz

    Keine Souveränität für Niemand Nirgends ein autonomes Daseinsfeld
    Der gefährlichste Feind sitzt im Innern
    Das eine Flugzeug finden sie das andere nicht
    (und das Schicksal des Dritten können sie vor Einsprüchen in
    den signal overflow dann doch nicht eindeutig bestimmen?)

    So wie es hilft das Fühlen und die Fakten zu trennen
    so macht es langsam auch irre

    Und so kann auch mit immer noch Schlimmerem gerechnet werden

    Vor den Erfahrungsdaten stehen die Aufzeichnungstechniken
    Immerhin die Signale kommen meist klar rein

           

           

    ***********
           

    „Alle Gedichte sind Pilotengedichte“ ist von Brinkmann (der gestern 75 geworden wäre, aber schon ’75 starb)

    „Der einzig denkbare Weg, um das Innere einer Black Box aufzudecken, ist, damit zu spielen.“ René Thom

    „There is no pilot“ (Laurie Anderson)

    .

Beim Sortieren des über die Jahre so angefallenen Materials (Fundgedichte, Fotos, Objekte) für eine kleine Online-Publikation Die poetische Stadt, die ich gerade zusammenstelle – ich werde sie irgendwann mal hier einstellen -, stoße ich gleich wieder auf mein Lieblingsgedicht.

Frankfurt

Frankfurt
beim Walter
als er den Unfall
gehabt hat und
er war da lange
im Krankenhaus
gelegen, da war
ich lange in Frankfurt.

Fundgedichte Frankfurt

Diese Zeilen wurden von einer alten Frau verfasst, deren Fotonachlass ich einmal kaufte, und es erinnert mich jedes Mal wieder an die Qualitäten etwa eines Ernst Herbecks oder an die sich manchmal beim [automatischen] Übersetzen ergebende Google-Poetry. Qualitäten jedenfalls, die (in der Konvention ja auch des Zusammenhangs des Genialischen mit dem Verrückten so mancher unserer Überdichter, etwa Hölderlin) genuin zur sprachlichen Moderne von Écriture automatique oder Gertrude Stein zu gehören scheinen und nicht so eine Weiteres hergestellt werden können (oder eben nur mit Inspiration und viel Arbeit): Wie bei jedem sein Gelingen nur streifendes Gedicht merkt man jede falsche Stelle sofort.

(Die ganzen Links auf Namen und Begriffe übrigens, weil ich gesprächsweise immer wieder merke, dass ich – zumal mit Jüngeren – über kaum noch einen gemeinsamen Hintergrund mit ihnen verfüge: Die wissen oft von meinen Sachen nix. Die wissen dafür vielleicht was anderes, aber ich, ich werde damit zunehmend alleine alt!)

Diese Frau jedenfalls muss – möglicherweise schon dement – die Angewohnheit angenommen haben, immer wieder ihre Schuhkartons mit Fotos durchzusehen, und, damit sie es nicht vergesse, sich ihr Leben zu erzählen, indem sie immer wieder den Namen, den Verwandtschaftsgrad des Abgebildeten, den Ort, an dem das Foto gemacht wurde auf dessen Rückseite schrieb.

Es gibt Bilder, auf denen sie in ihrer Küchenschürze im Garten steht und man sieht am Rand des Grundstücks das Schild mit dem Straßennamen. Da denke ich gleich, jemand müsse sie mit Bedacht so fotographiert haben. Trotzdem steht auf der Rückseite dann oft dieser Straßennamen noch einmal: Marburger Straße. Oft steht dort aber auch nur mehrere Male: Dieses Foto habe ich gemacht. Das Foto habe ich gemacht. In verschiedenen Kugelschreiberfarben. Und manchmal noch: Es war immer schön. Und eben in der Schlichtheit des Vergewisserungsverlangens liegt auf einmal das Drama, spürt man etwas von Alter und Lebensrückzug. Etwas vom nachlassenden Licht. Von Krapps letztem Band.

Meistens, wenn ich das Besondere einer solchen Foto-Sammlung erfasst habe, sein punctum, trenne ich mich auch wieder davon. Man könnte mit einigem Recht sagen, ich plünderte die Erinnerung der anderen aus.

Man könnte es aber auch so sehen, dass ich im Abfall der anderen, den niemand mehr will – Nachlass wäre ein schönes Wort, meist landen diese Sache aber tatsächlich auf dem Müll -, die wenigen Perlen zu finden und sie zu bewahren suche. Ich bin da selber noch nicht entschieden. Man könnte sagen, mit den Jahren der Beschäftigung mit alten Fotos, mit all diesem „alten Licht“ (Tucholsky), bekommt das immer öfter seine eigene Vergangenheitsschwere, die sich mir manchmal auch auf die Seele legt.

Schlägt sie sich nicht irgendwo medial nieder, taugt die Erinnerung außer für einen selber eigentlich für nichts. Kommen mir sonst diese ganzen Ideen von Existenz-Upload für ein zumindest zerebral verlängertes Leben auch ziemlich albern vor, finde ich doch hin und wieder den Gedanken anziehend, ich könnte einmal mein kleines Lebensfassungsvermögen in die Wolke stellen und dort ab und zu von flüchtigen Geistern gefunden und begrüßt werden. Aber ewiges Seelenleben erlangt man auf solche Weise wohl nicht.

Immerhin kam ich durch diese Frau auch auf die Idee für ein Album ausschließlich mit den Rückseiten der Bilder. Ich habe ja, vielleicht, noch ein paar Jahrzehnte Zeit, aber, kann sein, ich weiß mir manchmal eben auch schon nicht mehr besser zu helfen.

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(Aus „Altes Licht“ – eine Sammlung älterer Blog-Texte zum Thema)
[Die man irgendwann mal tatsächlich mal hier zum runterladen finden wird…]
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Küsst du ist es Verrat jammern die Katzen ist es ein Liebeslied
nein lange Beine haben Lügen keine aber so ein Gesicht
und sag mal warum ohne Filter es hier
von schlechtem Atem zieht und besser wird es nicht
dann also ich von schlechten Eltern und du ein Waisenkind
warum bin ich in unserer Liebe die Tasse ohne Henkel
die als Aschenbecher dient?
nein besser wird es wirklich nicht dass ich
in jedem Vergleich mit dir nur hinke
du stellst Tassen auf die Spüle aus denen ich noch trinke
lang nicht gesehen gut siehst du aus und kannst nicht klagen
die Worte mit denen wir verletzen sind dieselben die die Wahrheit sagen
und hoch die Tassen Wein es leben auch die Toren
die Liebe geht im Schenken weg und bleibt doch unverloren
nein deine hübschen Beine haben Lügen keine aber
Rache wär’ nur bitter süßer ist Verzicht

(aus Sappho was a punk before – 33 Wegwerflieblinge, ca. 1982)

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Und Wein? Soll doch zu den Toten wer immer mit mir
weißen trank und jetzt mit anderen lieber roten

Fragment der Telesippa
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Day tripper

Ihre Ulrike-Meinhof-Sonnenbrille, meine Original-BOAC-Flugtasche.
Unsere Superconstellation: Zwei Singles als Doppel-A-Seite
in der Gültigkeit aller der aus der Zeit Gefallenen.
Oder eben beide hoffnungslos verjährt.
Am Check-In, auf einer schwarzen Schiefertafel,
stand das Menue zur First-Class: Rehrücken wolkenlos.
Wir stellten uns ans Ende je einer Schlange
und warteten, aber niemandem fiel etwas auf.


Es sind diese schmiegsamen Flughafen-Frauenstimmen,
darin jene Distanz, die an die letztgültige Kälte grenzt.
Und wie immer dringlich und doch wie erst ganz am Ende
deines gerade eben zerbröckelnden Traums begreifst du:
Mit allem, was sie aufrufen, meinen sie immer nur dich
.

(Gedicht aus dem Buch Haltestellen.)

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one very early morning

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