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Archiv für den Monat August 2015

Ein paar Postkarten (mit Ceronetti)

 

Bei Averno der Eingang zur Unterwelt
l’ingresso di grotta
Altsound der Philologie und Ende des Empfangs
Seelenloser Dunst aus dem Erdinnern
nicht ohne für sich selber zu fürchten
          dagegen der in dem Besuchergänsemarsch
          wie mütterliche Geruch von Hautcreme einer
          sich an ihre Handtasche klammernden Inglese

Vergiftete Pinienhaine ein See ohne Vögel –
aber ein Country-Club des Casalesi-Clans
Zu Volksliedern ohne Heimat gibt es
jede Nacht ein Dancing auf vulkanischem Boden
Frivolere Inferni werden einst für uns zeugen
sind unsere Diesseitserinnerungen auch nur
pompejanische Gegenwartseffekte
dann

          ***

Allora
Endzeitalter Tourismus
das Karbon untergepflügten Giftmülls der
nach Bauende gleich wieder bröckelnden Küstenstraßen
und wir spulen zurück

Unsere Flaminia elegant und gelb wie die gezückten Langenscheidts
unter den Sonnenschirmen
Außerhalb der Grammatiken helfen
die Wortschatzübungen der Motta Moderne
Gelati / gespachtelte Rauputzwände / der globale Boutiquen-Hades
und was noch
glatt und süß von den Zungen geht

Das Nichtzutreffende auszunehmen e pericoloso
aber obligat
wie die falschen Typen einmal zu oft anzublicken
Ihr Lungern in Zivil zwischen
Bikinizonen und exhumiertem Gelände
Goldene Verschlussknöpfe der Handtaschen und
unsere Furcht die wir als Redlichkeit ausgeben
gegen ihr Prinzip
sich als Männer von Allüre auch das Unrecht zu erlauben

          ***

Aber so oder so wird man
als Reisender durch Klischees überall ja eher beruhigt
La vita nuova die EU der Tourismus –
alles bezahlter Diebstahl an allem
Die Vorhölle Venedig und alle
sind sie dort heute Kaufleute

Dafür hart gepflastert Ancona brackig
nach einem Unwetter
          von Albanien heraufgezogen sagt einer
          und meint es gehässig weil sie da noch
          abhängiger von zu Hassenden sind
und überall die Duce-Postkarten im Ständer

Bei einer Tarantella der Ziegelleger
zeigt uns ein Alter
sein Taschentuch voll gesammelter schwarzer Zahnstummel
Oro sagt er und ebraico und
ich schrecke zurück
Rasch wurde es wieder dunkel

          ***

Mamma Roma schwarz vor Sonne
nächtliche Straßenkehrer herum die Vatikanbank
Am Tag scheinen
die zweitschönsten Mädchen aus den Foto-Romanzi
die letztlich tieferen
Gewächshausrosen gegen die Hure Biancofiore
aber wie überall gewinnt die Schönheit
durch Schmutz

Offene Blumenstände des Unverstands im Verkehr
Das Ortsrandkino gibt Mondo Cane
und eines Abends
im Geruch der kleinen Holzkohlenfeuer
kommt von irgendwo ein Landläuten
unter das Schweigwerk der Bäume
und eine der Frauen an der Straße
schlägt ihren Mantel auf und zeigt uns im Abblendlicht
ihr reinstes Gesicht

          ***

Und so liegt alles eng beieinander, Schwarzer Tino
deine Tragik und
das Melodram einer blütenweißen Karriere
vom Ministrantenkleid zur Kellnerjacke
die moralischen Abgründe von Ostia und diese
unvergleichlichen Antilopenlederschuhe in der Via Claudio
unsere Tagesausflüge und wie sie dann auslaufen, cazzo
in der plärrenden ewig bedürftigen Realität

Das winzige
mefitisch verpisste Stück Schatten an der Bushaltestelle
belegt ein herrenloser Hund
Die Wolken und der Mond beflügeln die Vorstadtliebenden
mich die Näherinnen aus der Hemdenfabrik und
ihre Reinlichkeitsparfüms
Und so warteten wir
dann

          ***

Bekreuzigung einer Alten
vor dem vor Demütigung kranken Lächeln
eines arabischen Losverkäufers
dem alle ausweichen

Ein kleiner Platz liegt laut
noch abzuverkaufenden Ansichtskarten
amputiert um seine weißen Marmorknaben
Ehemals Himmelauffahrende
sind sie eines Tages einfach im Boden versunken
Entsetzen Erdbeben Scham
Entwurzelungen sind unsere Höllenfahrten

Als nachkoloriertes Grafitti
gibt’s heute das Hündchen von His Master’s Voice
und ein ironisches Cave Canem

          ***

Ein frisch gekalkter Kilometerstein vor Assisi
Die Macchia wandert wieder ein als blühende Brennesselgärten
In der Ebene schießt das Korn auf
und
im Tal Einsame die nach Belieben den Raum um sich erweitern
Von hier oben aus scheint
das Licht durchdringend nah an den Dingen
nur ich fühle weiter an mir den gehetzten Ausdruck
eines Diebs

Gleich neben der Autobahn Assortimenti von
Steinhaufen
Maultierwegen
staubigem Rosmarin von plötzlich betäubendem Duft
Tonscherben deren Alter niemand bestimmen kann:
die Gluthitze macht allem antike Glasuren
Lerchen singen
drahtlos
Limonen langfingriger
reicht es in die Klostergärten herauf
ein Eiswagen-Klingeling als Geisterstimmen-Geläut
und fast klingt auch noch ein Frauengezeter nach Bälgern
äolisch

Ziegenglocken am Hang
Sonnengesang der nackten Erde
Widerglanz der Kargheit im mönchischen Herz
einer Grasmücke
das den Netzen der Fänger entschlüpft ist

Und wieder
ein Steingehege / ein Brunnen / ein Feigenbaum
dazu hinter jeder Holzpforte ein Heiliger
Alberghi diffusi und
mit einem vogelhaften Hunger manchmal im Passieren
der Impuls
im Klopfen mit einem langen Hirtenstab
an einer Brettertür ein paar Brosamen zu erbitten

          ***

Aber dann wieder so ein Stück Pinienkernkuchen
himmlisch
in einer dieser klassischen Eisdielen
einer Seitenstraße aus den stehengebliebenen 1960ern
mit Mina in der Musicbox und ihrem Sonnenfinsternis-Twist
          senza crema aber bitte je einmal mit so einem
          Frauenzeitschriftenreisekolumnenempfehlungston:
          Den muuußßt du probieren!

Wie überhaupt
die Dinge einander dauernd rechtfertigen
die schlimmen die guten und umgekehrt
das Menschliche den Wahnwitz
die Selbstvergessenheit das Unermüdliche
der Arbeit an der Unbewohnbarkeit des Planeten
          Dabei war Radioaktivität 1962 der Progresso
          aber man genießt nicht zweimal dieselbe Süße

          ***

Heute sind’s die unterirdischen Flüsse der Italsider
Brutanstalten unter der Sonne
Jenseitsgeruch
und wir wedeln ihn weg wie eine Mücke vor dem Gesicht

Das oft bleiern Stimmlose des Mittags
Die sixtinischen Höllenfeuer der Schwerindustrie
Ein swedenborgisches Licht das durch einen Lattenzaun fällt

Ich übertreibe
doch auch das Herz ist schwer
und immer öfter auch nicht mehr zu beschwichtigen
zwischen der spätkulturellen Entseelung und
den vermüllten Historienstätten unseres
pompösen Neobarbarentums
Es regnete noch etwas

          ***

Je tiefer nach Süden wir kommen
desto mehr kippt es
Petrolio / Drogen & Zigarettenhandel / neue Alchemien
In ehemaligem Sumpfland
zerstreut ein paar kahle Zementburgen als Eigenheime
Hier soll es noch Malaria geben
Magere Saat der Fabriken
veraltet / überflüssig / bis zur Idiotie subventioniert
aus der Hauptstadt der Heimatlosen
und verteidigt von den lokalen Kommunisten
Abbasso l’UE und ich verstehe
Egal ob wer Geld gibt oder nimmt – er ist der Feind
Und die Tragik der Existenz verzeiht nichts

          ***

Heißer Sand und ein verlorenes Land
und
Isolatoren
die Sonnenseite unter den Steinen
Ein Dunkelstrom Asseln wimmelt es von Elektrizität
und hinter den Abwässern
in einem dunklen Wald von Mobilfunkmasten
sprüht es kirlianisch blaue Gespinste
Die Himmel verloren
gehen magische Aussendungen uns durch und durch –
aber wo bleibt der adamische Funke?

Unser voltaisches Blendwerk
unsere Hölle im Verdacht eines Sonnenstrahls
Und so ist es gekommen, Brutta
Gemeinplatz Italien und wie es einmal schöner war
und als Strafe
auf den Deponien verjährter Sehnsüchte
bis zum Ende für immer schön sein wird

Fahren wir! rief es
trotzdem eines abends über den Busparkplatz
im Ganzen noch einmal leichthin:
Andiamo!