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Archiv für den Monat Juni 2013

So wie Ideale und Überhöhungen versklaven können, so erlösen sie auch – nämlich mittels der mit ihrem Ausstehen also nicht ganz unmöglichen Besserung.

Das jedenfalls musste ich neulich beim Wiederansehen des Bildes eines meiner Lieblingsmaler denken, bei dem mich, obwohl etliche Male betrachtet, zuerst immer noch einmal ein leicht schwindeln machendes Nichtverstehen überkommt.

Und die Szene mit dem kleinen Jungen im Städel fällt mir ein, der mit offenem Mund vor dem subtil ausstrahlenden, überlebensgroßen Gemälde gestanden hatte, sich die Unterlippe leckend vor Eifer an Betrachtung jenes möglichen Anderen seiner selbst neben der unwirklichen, in nichts verhüllenden Schleiern umso paradiesisch nackteren Frau.

Nicht weit von ihm seine Mama, einem der quäkend seinen Kunst-Honig ausschüttenden Informations-Walkmänner lauschend, um sich die eigenen Augenblicksgeister an solchem vielleicht nicht ganz falschen, aber sicher nicht annähernd süßen Fliegenpapier kleben machen zu lassen. War sie nun aufgeklärter oder um so mehr umfangen von fadenscheinigen Schleiern einer Wissensillusion?

Dem Knaben fiel gar nicht ein, sie zu befragen. Er war fähig das Unmittelbarere zu schauen einer in der Hermetik ihrer Erscheinungen oft umso durchscheinenderen Welt.

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Wenn Kohlen geliefert wurden, im Frühherbst, hatte hinterher oft noch für Tage das schwarze Staubfeld vor dem Kellerfenster gelegen und ein etwas bitterer Geruch in der nun kühleren Luft zu unserem Taschenlampenlicht.

Und sehr wohl war mir aufgefallen, wie die Rußköpfe aus der Helle ihrer wie extra aufgerissenen Augen meine Mutter betrachtet hatten, die mit ihrem großen Portemonnaie für die Familienausgaben dabeistand und die Säcke zählte und sich ihre nackten, noch vom Italienurlaub gebräunten Beine begaffen ließ und mit den Männern scherzte, als gehörte das alles dazu.

Eines Tages hatten wir in dem Kohlenstaub die unübersehbaren, wenn vielleicht auch nur mit einem Ast da grob hinein gekratzten Umrisse eines Menschen gefunden – als hätte er sich die Nacht vom Dach gestürzt und wäre dann am Morgen einfach aufgestanden und weggegangen. Auch die Erwachsenen hatten in ungläubigem oder empörtem Ton ihre Vermutungen darüber geäußert, doch hatte man nie herausgefunden, wer aus dem Haus sich einen solchen Scherz erlaubt hätte.

Als ich viele Jahre später – an einer gerade gesperrten Kreuzung, an der sich die Gaffer stauten – auf nacktem Asphalt mal wieder eine solche Umrisszeichnung sah, musste ich sie prompt für unernst halten und die ganze Szene samt der sie gegen uns Vordringende sichernden Polizisten für fast ein bisschen frivol.

Und im Abwenden, das weiß ich noch, war mir dann ein Mädchen an der Hand seiner Mutter aufgefallen, eines, das den Hals gar nicht genug recken konnte nach dem Schlimmeren. Ein Mädchen in Kniestrümpfen und einer Herzchenschürze, alles, dem sie für ihre Körpergröße eigentlich schon hätte entwachsen sein sollen. Ein Mädchen, das aber trotzdem irgendwie simpel lächelnd dabeistand … und dann plötzlich doch auch irgendwie bangäugig den Kopf abwandte und sich umsah – nach mir. Ich verstand die Widersprüchlichkeit meiner Eindrücke nicht.

Und immer noch nicht, als das Mädchen mich nun anlächelte, aber zage, so, wie einen Kinder anlächeln, die, mit zwei Händen auf ein Karussellpferd gesetzt, einen stumm bitten, sie aus einer unerwünschten Verlegenheit oder Bedrängnis gleich wieder zu entheben.

Und dann brauchte es noch einen letzten Moment, bis mir aufging, dass das Kind anscheinend geistig zurückgeblieben war. Und die gesamte Szene eine so gewöhnliche wie eine auf bestimmte Weise überhaupt nicht zufällige war, eine aus dieser gerade im Alltag sich manchmal überraschend auftuenden Übergangszonen von Durchlässigkeit gegen den Alptraum. 


(Aus „Aftermath“)

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„Die Vorstadtfront“
Taliban
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„Da die Geschichte nicht aufgehört hat, ihre tragischen Dispositionen zu treffen, kann niemand voraussehen, ob unsere Gewaltlosigkeit den Krieg nicht bloß auf unsere Kinder verschleppt.“ (Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang 1993)
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