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Geistesgemischtwaren

– Es gibt keine Moral der Geschichte mehr, es gibt nur noch eine Ethik der Lektüre. (Rainer Just)

– Die Literatur lebt, wie die Demokratie, nur von den Gegenstimmen. (Julien Gracq)

– Keineswegs ist die Literatur am Ende, aber sie hat sich zu einer Subkultur sui generis ausdifferenziert, und die Tage ihrer Überschätzung als Träger der Nationalgeister sind vorüber. (Peter Sloterdijk)

Dafür haben wir jetzt dieses gewucherte System der Deutschen Buchpreise.

– Könnten wir das Gras wachsen hören, der Lärm würde uns umbringen. (George Eliot)

Alles ist ausgesprochen noch und noch und es hat nicht geholfen.
Vernehmen wir stattdessen die Warnung. Vermindern wir den Ausstoß an Poesie!

 

Geistesgemischtwarenhandel – alles muss raus
/ Sommerschlussgefühlsverkauf (frohen Herzens hoffnungslos verspätet) 

„Amerikaner geben für Stripteaseclubs mehr Geld aus als für Theater, Oper, Ballett, Jazz und klassische Konzerte zusammen.“
Und mein unverbesserliches Selbst denkt da immer noch: Ist das, mehr als ein Akt von ignorantischer Souveränität, nicht vor allem einer von verpassten Wahlmöglichkeiten? Die Freiheit, stets seinen „niedersten“ Impulsen zu folgen ist ebenfalls eine immer schon beschnittene.
(„We feel free because we lack the very language to articulate our unfreedom.“)

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„Das Absolute ist die Summe der Entschädigungen für das menschliche Elend.“(George Bataille)
Und ich lerne gerade erst anzunehmen, wie das Heilige immer auch das Unreine ist. Immerhin das ist aufregend. Auch das versteckte, das eigene Schmutzige ist Entschädigung.

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Neulich mal wieder der Gedanke (diesmal bei Bazon Brock), die Dinge einfach sein zu lassen: dass wir uns beeilen müssen die Welt als eine Sammlung von prinzipiell nicht lösbaren Problemen anzusehen. Künstler zeigten uns, wie man damit fertig wird. Aber Kunst hat sich ja dann eigentlich auch schon erübrigt, oder? Und das ist dann auch schon Teil der Erleichterung.

Bleibt nur der alte Grund für den nämlichen Verblendungszusammenhang: wegen dem wieder mal ausbleibenden Fortschritt, uns selbst zu verstehen vor dem, was wir am schlechtesten aushalten: eine heillose Welt.

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Beweis für die Unmöglichkeit der erlösten Gesellschaft: Wenn die Massen wirklich glücklich würden, würde das den Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttern. Und wir wären wieder in der Barbarei und müssten mühselig neu erlernen, zu Amerikanern zu werden.

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Ach ja, und Amazon?

Amazon: An online Titanic. Offering free shipping.
( @NeinQuarterly )

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Alles muss raus:

Ich gebe zu, ich weiß nichts von Stephen King, ich habe nie etwas von ihm gelesen und werde es, obwohl es mir gerade als ignorant bewusst wird, wohl trotzdem nicht tun. Aber gerade bei der heute zunehmend fraglosen Dominanz von Genre ist möglicherweise schon die Berührung damit ein petit mort. Aber es reicht ja vielleicht auch, wenn in Twitter-Zeiten (statt früher der Warhol’schen 15 Minuten) nur jeder einen einzigen Satz sagt. Stephen King, der also mit seinem Ruhm wenig anzufangen weiß, was ihn immerhin sympathisch macht, sagt:
Schriftsteller sollten nicht berühmt, sondern Geheimagenten sein. Ich sollte die Menschen beobachten – nicht umgekehrt.“

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Kultur-Anthropologie aus dem Goldenen Blatt:
Die Frage nach dem Wunder des Königtums ist fast so tiefsinnig und unausdeutbar wie die Frage nach Gott.“

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Und noch ein Kleinod von @NeinQuarterly:
If there’s one thing nihilists are thankful for, it’s nothing.

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Bin mir immer noch nicht im Klaren über Markus Gabriel, das angebliche Wunderkind. Dass unsere Pragmatismus letztlich eine Form von Nihilismus ist (die zugunsten unvermeidlichen Interessen-Managements alle anderen Handlungsmöglichkeiten verwerfen muss), leuchtet mir ein. Aber was wäre dann „metaphysischer Materialismus“?

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Anfangs war ich geneigt, @Nein.Quarterly für den nächsten Twitter-Hype zu halten, aber tatsächlich gibt’s immer wieder mal eine Zeile, die ganze Bücher aufwiegt und die Kunstform plausibel hält. Für mich zum Beispiel: You’ve seen one Doppelgänger, you’ve seen’m all.

Allerdings merke ich auch jedes Mal, wie sogar solche Kürze noch zu verbessern wäre. Und weil ich eh zur Ausführlichkeit neige, nehme ich es als Herausforderung.

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Lucian Freud in Wien!
Je nach Wunsch unterhalt- oder schweigsamer Beifahrer tauscht sämtliche Kunst, die er dieses Jahr gesehen habe für eine Mitfahrgelegenheit!

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– alles muss raus

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Die Babylonier haben anlässlich ihres Frühjahrsfestes den jeweiligen König so fest geohrfeigt, dass ihm die Tränen kamen, um ihn an seine Menschlichkeit zu erinnern.“
(Nach Gwendolyn Leick, Assyrologin)

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Und jetzt ein Satz von Richard David Precht (ja, genau dem):
Ich kann Ihnen auch nicht sagen, warum ich optimistisch bin, außer es negativ zu formulieren: Ich bin optimistisch, weil es mich abstößt, pessimistisch zu sein. Weil Pessimismus, Zynismus, Desillusionierung ein so gewaltiges Feld besetzen, dass es keine Alternative zum Optimismus gibt.“
(In der TAZ vom 29.JUN2013)

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Wenn ein Tier es träumt  –  hat es dann Bedeutung?

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    Alles muss raus!

 

Millionen von Kunden, die hinters Licht geführt werden, zahlen trotzdem mehr für Strom!

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„Das heutige Genie ist durch nichts von einem heutigen Dummkopf unterschieden, dieses ist der Gewaltakt.“ (Wolfgang Hilbig, Herbsthälfte, 1973)

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Frage: Wenn die Hirnforschung so wenig zu bieten hat – gibt es denn gesichertes philosophisches Wissen?
Ernst Tugendhat: Nein. Man braucht es aber auch nicht. Der Wunsch, auf gesichertem Boden zu stehen, ist das Überbleibsel eines autoritären Bewusstseins. Es ist ein Relikt jener Zeiten, als man glaubte, von den Göttern alles Wesentliche durch Offenbarung zu erhalten.

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