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Kunst

So wie Ideale und Überhöhungen versklaven können, so erlösen sie auch – nämlich mittels der mit ihrem Ausstehen also nicht ganz unmöglichen Besserung.

Das jedenfalls musste ich neulich beim Wiederansehen des Bildes eines meiner Lieblingsmaler denken, bei dem mich, obwohl etliche Male betrachtet, zuerst immer noch einmal ein leicht schwindeln machendes Nichtverstehen überkommt.

Und die Szene mit dem kleinen Jungen im Städel fällt mir ein, der mit offenem Mund vor dem subtil ausstrahlenden, überlebensgroßen Gemälde gestanden hatte, sich die Unterlippe leckend vor Eifer an Betrachtung jenes möglichen Anderen seiner selbst neben der unwirklichen, in nichts verhüllenden Schleiern umso paradiesisch nackteren Frau.

Nicht weit von ihm seine Mama, einem der quäkend seinen Kunst-Honig ausschüttenden Informations-Walkmänner lauschend, um sich die eigenen Augenblicksgeister an solchem vielleicht nicht ganz falschen, aber sicher nicht annähernd süßen Fliegenpapier kleben machen zu lassen. War sie nun aufgeklärter oder um so mehr umfangen von fadenscheinigen Schleiern einer Wissensillusion?

Dem Knaben fiel gar nicht ein, sie zu befragen. Er war fähig das Unmittelbarere zu schauen einer in der Hermetik ihrer Erscheinungen oft umso durchscheinenderen Welt.

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if one thing matters – every thing matters. Punk-Poetics.

(Als PDF lesen? Allerdings ohne Internet-Links.)

 

Diesen Zettel mit dem if one thing matters Satz (zugleich der Titel eines Buchs von Wolfgang Tillmans) kann man im Hindurchstreifen in einem – ich weiß nicht mehr welchem – der Räume der Düsseldorfer Ausstellung finden. Und eigentlich scheint er auch schon alles zu erklären. Denn fast reicht es, einmal quer über die Google-Bildersuchseite zu huschen – sieht aus, als wäre alles schon da.

Ist es natürlich nicht. Dass dieses Durcheinander auf den ersten Blick auf den zweiten ein durchdachtes ist, erschließt sich eben erst nach und nach. Tillmans nennt das eine „All-over-Installation“. Einen roten Faden gibt es nicht, und ich finde das, in einem Museum erst mal Unbestimmtheit zu erzeugen, im Zeitalter des Durchgearbeitetseins und der Diskursivierung von Kunst, der Versuche Gewissheiten zu erzeugen in der womöglich einzig übrig bleibenden Gewissheit, dass es sie womöglich nicht mehr geben kann, sehr angenehm. Big Data. Zurück zur Mustererkennung, zum Nicht-Hierarchischen, zum frappierenden Detail. Gegen all das Branding und Benchmarking von Kunst. Die unterlaufene Versuchung zur Übersicht öffnet die Gesamtmöglichkeit der Bilder hin zu ihrer Gleichrangigkeit. Und tatsächlich kann man sich von jedem Punkt aus auch wieder neu orientieren.

Das Durcheinander ist auch eines der Formate: Es gibt Postkartengrößen, viel DIN A4, dann wieder größere … es gibt die C-Prints bis zu meterlangen Plotterdrucken. Mir, der in den letzten Jahren vielleicht etwas zu sehr von den Riesenformaten der so genannten Becher-Schule geprägt wurde, war das spontan sympathisch. Nix gegen Gursky oder ein Bedürfnis nach Reauratisierung. Aber in der Dauerüberwältigung durch das Monumentale geht der Bereitschaft zum Erhabenen irgendwann die Puste aus.

Was mir von daher noch umso mehr gefiel, sind die Experimente mit Fotokopien und den immer graphischer werdenden Ergebnissen der x-ten Generation einer Kopie von einer Kopie – so was hatte ich in den 80ern an langweiligen Tagen im Büro selber gemacht und bin dadurch bald bei Mail-art und einem eigenen Xerox-Magazin gelandet. Obwohl von heute aus gesehen arg zeitverhaftet, ist mir die Geste, das als privaten Anlass mit auszustellen doch gleich sympathisch. Deshalb erlaube ich mir hier einmal eine fremde Stimme einzubinden, um diesen Kontext zu umreißen.

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Auch auf eine versuchte Sortierung der Motive Tillmanns lasse ich mich also gar nicht erst ein. Es gibt also Muster. Aber vorrangiger scheint mir doch diese prinzipielle Offenheit der Verknüpfung (Tom Holert im Katalogtext, „Das Unvorhergesehene“). Die Fotografie sei ja an sich Welterkennungsinstrument (WT). Ich war dann auch nicht überrascht bei Tillmans, der ja als poetisch gilt, die Stillleben und Nature Morte Bilder besonders schön zu finden. Das soll reichen anzudeuten, dass Tillmans mit dem ihm dauernd angehängten Label „Chronist der 90er“ nicht abzutun ist. Die schiere Vielfalt reicht aus, einen immer wieder im Kleinen zu bewegen.

Sowohl jemand mit Kunstwissen als auch lediglich Alltag- und Fernsehnachrichten-Hintergrund kann unzählige, oft ganz beiläufige Verweise und Querverbindungen finden (obwohl die, etwa in den arrangierten Tischvitrinen, oft mit privaten Papieren gelegt sind).

Ansonsten hatte ich Tillmans zwar schon als Reisenden und auch zwischen den Stilen Beweglichen im Kopf, doch stellt sich heraus, dass er längst ähnlich wie die früheren Hofmaler seine Factory unterhält. Er denkt also letztlich doch groß … alle Themen, die ganze Welt. Und darin wieder Grenzwerte, Bruchstellen, Wendepunkte und Erkenntnisblitze (Tom Holert).

Zu den Motiven noch ein paar Stichworte: Die Freischwimmer-Serien („Studien über Licht“), die Astronomie-Bilder („Venus transit“), all das, was in der Dunkelkammer entsteht bzw. wenn das Foto sich auf Papier materialisiert (gestische Handlungen und chemische Prozesse). Hier wird es dann ebenfalls wieder großformatig.

Es gibt einen eigenen Raum mit stark vergrößerten und teil-collagierten Zeitungsfotos junger Soldaten. Es wird einem darin klar, wieviel Krieg eigentlich permanent in der Welt ist und wie sehr wir davon verschont sind und doch mit Missionen getauften Mitspiel-Ambitionen darin verstrickt.

Allein dass es 2013 so etwas wie Syrien geben kann und ganze männliche Bevölkerungen einander umbringen verroht die gesamte Welt und wirft die hochmögenden Entwicklungen auf die immerselben Archaismen zurück. Mir fiel ein, was Sloterdijk mal zur Metaphysik des Action-Films (1994, damals à la „Terminator“) geschrieben hatte: Dass wir längst alle Mitwisser und Konsumenten einer ununterbrochenen Gewaltagitation sind. Und wie es auch hier eigentlich keine richtige Übersicht mehr gibt, trotz der vermeintlich eindeutigen Ländernamen und Jahreszahlen. Auch die werden zu kleinen Punktwolken in Big Data.

„Fragmente einer Ikonographie des auf Distanz gehaltenen Krieges“ könnte man Tillmans‘ Bild-Essay nennen, denn man kann zu verstehen anfangen, dass man nur umständehalber zu den Verschonten gehört. Und wie sehr die ermüdenden Folgen von Nachrichtenbildern pausenlos eine „Information“ nachliefern, die irgendein Verstehen eher betäubt.

Auf Tillmans eigenen unter die „offiziellen“ gestreuten Fotos sieht man immer wieder die lässigen Gesten oder – etwa bei einer Zigarettenpause – die ausrasierten Nacken junger Soldaten, ihre Kleinheit und ihren verheimlichten Stolz, Rädchen im Getriebe eines unendlich größeren Apparats zu sein. Die Nation, die bessere Idee der Welt, das gerechtere System … verkörpert in der gigantischen, gut gewarteten Turbine (zum Beispiel) eines Transportflugzeugs. Wenn man schon nicht mehr Teil einer Jugendbewegung sein kann, kann man immer noch Soldat werden.

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Das bringt mich zu meinem letzten Punkt, zu Tillmans Interesse an der Verwundbarkeit des Körpers und den (von anderen gern hervorgehobenen) queeren Aspekt der Ausstellung.

Offen gestanden interessiere ich mich nicht mehr sehr für das Zweitere. Ich verstehe so etwas wie Heteronormativität seinerseits als Zuweisung und wüsste nicht, wie ich das, eine Verlagerung der Beschwernisse auf den bisher Unbeschwerten, produktiv zu machen hätte. Es ist einfach nicht mein Problem. (Mich nerven der Sonntags-Lärm und die erpresserische Fröhlichkeit eines CSD-Day neuerdings in jedem Kaff, da die braven Offiziellen ihre braven Minderheiten grüßen. Wenn ich da wirkliche Herausforderungen will lese ich gleich bei Judith Butler.)

Aber Fotos eröffnen mir da auch keinen Zugang. Leider? Ich habe aber gespürt, wie interessant auch einmal für so jemanden wie mich, der an – sie ja auch immer gleich glAMOURisierende – Bilder von Frauen gewöhnt ist, deren weitgehende Abwesenheit sein kann. (Eine Kate Moss macht das nicht wett.)

Und noch etwas fiel mir auf, und die Tatsache, dass ich das im Kopf behalten hatte. Tillmans sagte sie einmal in einem Interview: dass es unglaublich weltverändernd wäre, wenn Männer sich ihrem Körper und ihrer Verwundbarkeit mehr öffnen würden.

Vielleicht nicht das schlechteste Fazit, wenn es schon keines braucht.

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