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Archiv für den Monat September 2013

Zum „Bedürfnis nach mythischer Geographie“ (Peter Handke)

„Ebenen waren sie, blau, milchig, künftiges Torfland, inmitten der tausend gefälligen Erhebungen einer heiteren Landschaftsbeschreibung, die der Weg der Grazien gekreuzt. Land im Gewand des August, gesprenkelt mit Namen und Orten. Land war es, von Leuten und Volk im Gewand der Arbeit.‘
(Carlo Emilio Gadda, Die Erkenntnis des Schmerzes)

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Unsere Ideen- wie die Dingwelten, was wir lieben wie auch unsere Gadgets und jede Welten bauende und wieder -stürzende Himmelstürmerei, alles lebt von launischen Beseligungen. Und weil unser Geist meint, die Atome zu lenken, tut er es irgendwann auch. Störe meine Schaltkreise nicht! Nur bleiben wir leider auch immer noch diese etwas tumben Vorweltler, die an ihren Idealen wie an Geräten versuchen, auf die Stufe des von ihnen Erbauten zu gelangen – und immer öfter ist sie ihnen zu hoch. Was wir vermeintlich errungen haben, ist oft das, an dem wir auch wieder scheitern. –

Prometheisches Gefälle, habe ich mal im Scherz zu meiner Mutter gesagt, ist, wenn man seine Samstagabend-Show aufgezeichnet haben will, aber den Videorekorder nicht programmieren kann. Sie behauptete, sie wüsste überhaupt nicht, wovon ich redete.

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Ich kann es nicht beweisen (obwohl ich Zeugen nennen könnte), aber ich habe schon früh gewusst, dass Steve Jobs ein viel größerer Unsympath ist als Bill Gates.

Natürlich nicht vor seiner massengehaltenen und sich trotzdem herausgehoben dünkenden Konsumentenschar. „In einer von Markensymbolen angetriebenen Gesellschaft wäre es seltsam, wenn es keinen kommerziellen Messias gäbe.“ (Douglas Atkins) Leider war ich auch schon früh Rundum-Atheist.

Jetzt also biometrisches Einkaufen. Und klar, diesmal keine Hintertüren, es wird niemals etwas gespeichert oder an wen weitergegeben werden …

Aber braucht es jetzt wirklich einen solchen Zugang zu den eh schon genug geschlossenen Konsumenten-Welten? Es mag an meiner kritisch-paranoischen Verkopftheit liegen, aber mir fällt da neuerdings immer öfter Giorgio Agamben ein, laut dem das Lager „das biopolitische Paradigma des Abendlandes“ sei. Und Vorwärts-Affirmation (=Verteidigung) ist eben auch Krieg (sage ich).

Ich habe weiterhin kein iTunes-Konto und werde mein Lebtag kein Gerät von denen kaufen, aber es ärgert mich trotzdem. Auch wenn es wohl schon zu spät, und die geistige Einhegung durch die Amazon-Empfehlung und die Autokorrektur schon viel weiter ist, als es uns aufgeht. Die wissen schlicht vorher, was wir lesen wollen, ist alles zu algorithmisieren. Und die wissen auch besser, was wir meinen. Sonst meinen wir eben besser, was die uns vorschlagen: mehr vom Selben! Sagen alle meine Freunde schließlich auch!

Komisch, dass auch meine Idee von Freundschaft immer noch eine ganz andere ist. Hat aber wohl auch mit dem (Lebens-)Alter zu tun.

Dabei hatte ich früh auch so ein weißes Kästchen (das billigste von allen) zum Ausprobieren gehabt, und es hatte auch zwei, drei Situationen gegeben, das Ding mit sich zu führen und Text abzurufen. Auch wenn es eher ein Überfliegen denn ein Lesen war: Ich glaube immer, ich könnte ganz gut lesen am Schirm, weil ich mich dran gewöhnt habe, aber es ist doch etwas anderes. Überfliegen ist schon das bessere Wort. Geistiges Überfliegen, dass sich gern informiert dünkt. Ich durchdenke das wohl besser noch mal.

Nicht, dass ich annehme, dass es für irgendein anonymes Marketing von Interesse oder gar Vorteil ist zu wissen, wenn einer wie ich 20 mal hintereinander den selben Hölderlin-Text aufruft – und er war auch noch kopiert von einem Netz-Ort namens Gutenberg!

Ich bin nicht so paranoid, dass ich mich für ein Aufklärungsziel halte. (Aber ist heute nicht alles ein Aufklärungsziel?) Es passt mir trotzdem nicht, denen das zu wissen zu geben. Es passt mir einfach nicht, wenn bei jedem Anstöpseln zur Akku-Aufladung meine Lese-Daten übertragen werden, ohne dass ich jemals wieder etwas davon höre. Es geht überhaupt niemanden was an.

Jetzt also biometrisches Lesen. Unser gleißend gemachtes Konsumenten-Lager: Auf allen bunten Oberflächen eine Hintertür zur Macht. Die wissen schon besser, was wir uns wünschen. Und mit den Jahren dne Konsens-Ideen der Vielen gefährlicher geworden bin ich auch.

Wenn also die Datensammel-Bots der neuen Art Verlage auf dem Reader jeden Lesevorgang mitprotokollieren, wird dann die alte Form zu lesen zu so etwas wie Widerstand? Eine nicht mal mehr romantische Idee.

Auf der Netzseite, auf der ich mich manchmal über das Geschehen auf dem sich ja auch täglich neu dünkenden Ebook-Markt informiere, wird die gute alte, die „alte“ Autorenschaft, der ich mir einbildete anzugehören (obwohl ich auch dazu Distanzen pflege), diejenige also, die etwas länger nachdenkt – als am Markt vorbei-produzierende gesehen – als quersubventionierte. Schäm dich, erfolgloser Autor!

Aber ist das noch neo-liberal, oder ist das schon eine Steigerungsform davon? Und hat er nicht Recht! Weg mit den Minderheiten-Literaturen! Werden ja auch demnächst unsere postdemokratischen Freihändler von drüben für sorgen! Gute alte Buchpreisbindung, guter alter Rheinischer Kapitalismus, bei dem für jeden etwas abfällt. Weg mit allem, was sich nicht selber trägt! 

Nur – können jetzt wirklich alle Genre-Lesefutter schreiben? Die Erfolgsmeldungen über die selfpublishing-Hits sind so einfältig wie verräterisch. Sie sind selber das Marketing: Publizier Dich, Du! Versuch Du es auch! Jeder Mensch ist ein Autor! (Und die hielten Adornos Blick auf die Kulturindustrie für passé! Bloß weil deren Apologeten jetzt als Micky-Maus Figuren rumlaufen!)

Und natürlich ist auch Literatur-Literatur ein Markt – sagt ja sogar schon der Betrieb mit seinen verschnarchten Buchpreisen dauernd! Er ist (und war immer schon) eben nur kleiner. Und älter. Wie im Durchschnitt die Teilnehmer, die da agieren. Ach ja, Alter, weißt Du: Die Jelinek, Jahrgang 46, war unter den ersten namhaften aktiven Schreibern im Netz, und sie ist in ihren Publikationsformen auch schon viel weiter: Das, was jetzt erst mal ausprobiert werden soll, hat sie schon längst gemacht!

Wird ihr aber trotzdem zum Nachteil ausgelegt.

Aber stimmt, Buchkitsch (Porombka) ist nun wirklich passé. Also Cyber- & Gadget-Kitsch soll es jetzt sein.

Und das Ende des Autors (Barthes, 1968), das Ende der Schrift  ist auch schon etwas älter (Flusser 1987), wie der Widerwille der Kultur-Legastheniker gegen das Schreiben überhaupt (Platon). Wir schreiben nicht mehr, wir tippen. Und seit jeder tippt, ist auch jeder ein Autor, logisch! Er braucht nicht mal einen Blog, er muss nur irgendwo angemeldet sein und seine Scores oder Avatare oder sonstwas an Micky Maus-Daten verwalten für die zu lesende Spur (Derrida).

Der erste, der mir auf der letzten Leipziger Buchmesse einen Prospekt in die Hand drücken versuchte, war einer dieser Selfpublishing-Dienstleister. Ich hatte da schon ein Ebook draußen, und ich hatte auch schon, auf der Messe!, die mir einzig konsequent erscheinende Idee, ab jetzt alle meine Texte zu verschenken. Verschenk-Texte – war das nicht mal bei irgendwelchen Öko-Tussis in meiner Jugend ein Hit? Nicht erst seit Neuerem ist Schreiben vielleicht eh business to business, auch wenn man kaum was dran verdient. Unter Dichtern ja sowieso.

Aber auch „die freien Texte“ hat die Content-Mafia sich schon unter den Nagel gerissen. So schustert sich jeder zusammen. Und so hat eben auch Kittler doch Recht, und wir rücken weiter vor in den protected mode. Die technischen Konditionierungen greifen immer besser, auch die, die Schrift noch als eingeführten Bedeutungsträger oder Narrationsgeber braucht. (Sogar Filme und Videospiele berufen sich auf ein Skript! Wieso eigentlich?)

Was bleibt? Bücher „für die vielen Deutschen zwischen 30 und 60, die auch im Erwachsenenalter das Jugendbuch bevorzugen“. (Sebastian Hammelehle auf SPON)

Wie der Erfolg von Apple vielleicht ein Menetekel ist, war es für den Buchhandel Harry Potter. Biologistisch gesagt: Das Aufkommen und die Ausbreitung der einen Großpopulation ist oft ein Fiasko für die kleineren. Aber dass man bei allem gesagt bekommt, wie bedroht die Arten sämtlich schon sind, daran haben wir uns ja auch schon gewöhnt.

Jetzt schreiben eben alle Feen- und Vampir-Romane und „Stadtteil-Krimis“ und Mittelalter-Sagas in 13 Bänden – auf den Readern merkt man nicht mal, was für Schinken das sind. Werden wir eben zu „Lesefutter-Knechten“ (Peter Handke). Diese kleinen BlackBoxes mit den Backdoors aus den chinesischen Billiglohn-Lagern als Signet für ein Leben ohne Entkommen sehen trotzdem schick aus. Es gibt sie jetzt auch wieder in neuen Farben!

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(Weil gleich die Frage kam zum Titel: Das ist eine Anspielung auf Wolfgang Hilbigs Buch ICH, darin Lesen und Schreiben mit Fragen der Identität unter totalitären Bedingungen verknüpft werden.)

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