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Archiv für den Monat November 2013

Alles muss raus:

Ich gebe zu, ich weiß nichts von Stephen King, ich habe nie etwas von ihm gelesen und werde es, obwohl es mir gerade als ignorant bewusst wird, wohl trotzdem nicht tun. Aber gerade bei der heute zunehmend fraglosen Dominanz von Genre ist möglicherweise schon die Berührung damit ein petit mort. Aber es reicht ja vielleicht auch, wenn in Twitter-Zeiten (statt früher der Warhol’schen 15 Minuten) nur jeder einen einzigen Satz sagt. Stephen King, der also mit seinem Ruhm wenig anzufangen weiß, was ihn immerhin sympathisch macht, sagt:
Schriftsteller sollten nicht berühmt, sondern Geheimagenten sein. Ich sollte die Menschen beobachten – nicht umgekehrt.“

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Kultur-Anthropologie aus dem Goldenen Blatt:
Die Frage nach dem Wunder des Königtums ist fast so tiefsinnig und unausdeutbar wie die Frage nach Gott.“

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Und noch ein Kleinod von @NeinQuarterly:
If there’s one thing nihilists are thankful for, it’s nothing.

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Der Ort, in dem The Prisoner gedreht wurde, eine hellsichtige Fernsehserie um Überwachung, Kontrolle und Manipulation aus den 1960er Jahren (in D seinerzeit gelaufen [und vor ein paar Jahren von Arte neu ausgestrahlt] unter dem Namen Nummer 6) heißt Portmeirion – und er liegt in Snowdonia, einer nördlichen Küstenregion in Wales.

Schaue ich mir heute Bilder von Portmeirion an, kommt es mir vor wie das Neuschwanstein Englands.

Es wurde schließlich, um es finanziell erhalten zu können, von dem, der es erdachte – einem vermögenden, eigentlich lokal verwurzelten Architektur-Dilettanten -, bald zur Hotelanlage ausgebaut und erweitert, nach mediterranem Vorbild. Ganze Gebäude (und immer wieder auch zu bewahrende Teile von anderen Nutz- und Wohngebäuden) wurden von anderswo abtragen und in dieses bricolagierte Lego-Land transferiert – ein bis in seine Bauelemente dystopischer Ort, eine, obwohl andauernd das Authentische inszenierend, umso entschiedenere Fassade. Im Gegensatz zu Metropolis oder Alphaville aber als ausdrückliche Idylle.

Und dieser Eindruck einer Idylle, einer bestimmten Art anfangs sich ergeben habenden, später sozusagen systemisch gewordenen Künstlichkeit, kommt mir auch jedes mal, wenn ich etwa im ZDF die Fernsehnachrichten anschaue – als würde ich unter dem Vorwand der Information, also eigentlich einer gelinden Formatierung, leicht narkotisiert.

An einem Freitagabend, vor einem weiteren Wochenende ohne Pläne, hat ein Kollege mich einmal ernsthaft gefragt, ob ich mit ihm ins Tokyo Disney fahre. Obwohl auch ich mich damals ähnlich wie er nach Wochen noch nicht akklimatisiert hatte (und vielleicht überhaupt nirgends so fremd gefühlt habe wie in Japan), verstehe ich erst heute, dass er auf eine bestimmte Weise verzweifelt gewesen sein muss.

Leider habe ich erst später erfahren, dass auch dieser Ort, die kleine Stadt Urayasu (ursprünglich ein Fischerdorf), eine interessante Dystopie gewesen wäre mit nämlich nun einer alten Stadt und einer neuen Stadt, mit einer statt japanischen eher amerikanischen Bauweise – sie wäre womöglich auch ohne Micky Maus eine interessante, eine die der englischen New Towns aus den 1960ern vorausgehende Erfahrung gewesen.

Es wird erzählt, es hätte das Anheimelnde von Portmeirion – also etwa schiefe Fachwerkwände und ein Seerosenteich – entsprechende Effekte auf die Besucher (oder es lässt sie zumindest darüber sprechen). Der Bekannte eines Freundes aber hat, als bekennender Sixties-Freund und Fan jener Fernsehserie, seine Hochzeitsreise nach Portmeirion gemacht, und er erzählt, es wäre ihm schon nach wenigen Tagen dort seltsamer vorgekommen als in Las Vegas.

Ich selber habe mich in Las Vegas, trotz gewisser, sozusagen offensiv gesuchter Begeisterungen für die in eine interessante Pseudo-Erhabenheit getriebenen Geschmacklosigkeiten dort, eher an Kirmes und Zirkus erinnert gefühlt, an (zwar kreischende) Ausgelassenheiten für Große, an etwas eher Kleinteiliges aber an Freuden – ohne ein Bedauern fährt man dort nicht weg. Zirkus aber hatte ich als Kind nie gemocht, weil ich immer zu sehr die Traurigkeit der Tiere gespürt waren; Zirkus – das war das immer schon Gebändigte.

Was mich auf den Clown von Northampton bringt, auf jenes subtile, gerade so gern kolportierte und doch nirgends recht festzumachende Moment von Unsicherheit und Bedrohung (wenn es schon sonst nichts Wichtigeres in der Welt gibt: Nicht nur Provinzblätter schreiben darüber). Und es kommt mir fast ein Geruchsreiz wie von Sägemehl. Northampton aber – während meiner Zeit in Milton Keynes sind wir wegen Stuarts Schwester ein paar mal hingefahren – ist umso mehr dieses Nirgendwo, ein Ort sicher auch auf irgendeiner Landkarte, der jedoch schon zu einem flüchtigen Komplexreiz geworden ist, zu etwas Entbundenem.

Abgewandelt könnte man vielleicht sagen: Was in Portmeirion passiert, bleibt in Portmeirion. Trotz meiner Jahre in England – und den Vertrautheiten dort, den Gefühlen von einer Art Heimat, die schon durch etliche Momente aus der Pop-Musik gegeben sind (etwa Death of a clown) -, trotz außerdem durchaus handfester Erfahrungen, hat heute allein der Gedanke an England gelinde zwiespältige, ich bin versucht zu sagen: dystopische Effekte auf mich. Und längst sehnt sich ein sozusagen von daher schon gelösterer Teil in mir öfter dahin zurück.

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