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Archiv für den Monat Juni 2014

Der Sturm kam aus der vorhergesagten Richtung: Zum ersten Mal konnte ich mit meinem Weithinblick aus dem Fenster zur Gartenseite live zusehen, wie sich über dem Rhein eine Superzelle aufbaute – meteorologisch womöglich nicht korrekt, sah sie zumindest nach ihrer Form so aus wie sonst nur in den Filmberichten über dem amerikanischen Mittelwesten. Zwei Dinge geschahen: Sie wurde konturierter und wurde zusehends dunkler. Zwar waren noch die unvermeidlichen Feiertagsgeräusche zu hören, und, davon getäuscht, ein paar Amseln, aber nach und nach wurde die Welt still. Auch ich hatte längst Respekt.

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Weil ich unter dem Dach wohne und einer alten Faszination für solche Ausnahmezustände nachgab – und weil die Raschheit der Schwärzung dort dramatischer war -, schaute ich dann immer öfter aus dem Fenster zur Straße, der dunkleren Seite. (Im Hin- und Herlaufen war es, als befände ich mich in der Dämmerungszone einer Datumslinie: Hier grauender Tag, dort tiefe Nacht.) Bis man mit den einsetzenden Wasserfluten die Häuser gegenüber nicht mehr ausmachen konnte und es anfing, abgebrochene Äste bis zu mir hoch zu wirbeln.

Noch nie habe ich den Baum vor dem Haus derart gezaust und gequetscht und verbogen wie durch diese Windböen gesehen. Und auch bei geschlossenem Fenster war es vom Geräusch, von seiner Lautstärke her, dann zwei Mal, als ob ein niedrig fliegender Jet sich hindurch die Straße zu zwängen versuchte und vor Schmerz oder Empörung dabei brüllte und alle mater materia in Vibrationen versetzt.

Jedes Jahr gibt es ein paar kräftige Sommergewitter (wenn nicht, würden sie einem ja fehlen), aber in der Intensität wie gestern müssen sie doch Ausnahmen bleiben – schon um überhaupt noch eine Regelhaftigkeit zu bestätigen (weil sonst eine umfassendere Dialektik außer Kraft geriete; auch die erfahrene Katastrophe verschiebt die Gewichte vielleicht immer nur neu). Erinnern kann ich mich jedenfalls nicht, so etwas an Sturmdichte, solch eine umfassende Verdunklung der Elemente schon mal erlebt zu haben. (Kyrill, 2007, dauerte länger und war verheerender – aber anders.)

Außer einmal in Malaysia. Das in solchen Lagen gern gebrauchte Bild von der Sintflut war mir dort einmal nicht als übertrieben vorgekommen – es war biblisch gewesen als ein bestimmter Grad, ein von Gott erzeugtes Extrem in der Vorstellung, und das Bild der unten vor dem Hotelwolkenkratzer, in winzigen Ausrissen in dem Wetterinferno sich mühen Müssenden, der Beladenen, steht mir bis heute vor Augen. Ich vermute, der allgemeinere Unglaube steht gerade in Verbindung mit solchen Beweislagen (oder in dem Zusammenhang vielleicht besser: der Zeugenschaft): dass es solche Unglücke unerfahrenen Ausmaßes tatsächlich gibt.

Weil ein, zwei Mal das Wohnungslicht flackerte, zusätzlich zu dem unaufhörlichen, durch meine Velux-Fenster gegenwärtig bleibenden Geflacker am Himmel, wurde es plötzlich verwirrend – Furcht auch noch vor dem Hirnflackern. Vielleicht habe ich in meinem Leben nicht oft genug wirkliche Angst? Jedenfalls wartete ich das Toben dann lieber in der Dunkelheit ab.

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Nach dem Sturm ist die Welt neu.

In der Luft gibt es diese Elektrizität, die sich mit den anderen Frischeffekten verbindet: Die gesamte lokale Atmosphäre einmal mächtig durchgepustet und geklärt, hat sie Durchsichtigkeit, unversehens einen Glanz.

Um die Frische einzufangen und sie in die Zimmer und Hausflure zu lassen, werden überall Fenster und Türen aufgerissen, sogar das Geschirrgeklapper von unterbrochenen Mahlzeiten kommt zurück auf die Balkone. Herr M. tastet sie mit der Hand ab, die erst letzte Woche zum Unmut der anderen mit viel Lärm angebrachten Holzläden. So schafft für Menschen auch das Läppische immer wieder Zuversicht.

Weil es mit dem aufgehobenen Einbruchs von Nächtlichkeit nun so spät noch nicht ist, kommen die Leute (mit ihrem eh verpassten Fernsehabend) auf die Straße, dürfen auch die Kinder noch mal raus, um die überstandenen Bänglichkeiten und Beklemmungen auszuagieren, während die Alten Unterhaltungen beginnen, um einander ihre Empfindungen zu berichten. Mehrmals kann ich es vernehmen, erleichtert gesagt: Und ich hatte gedacht … Ja, ich auch. Die Welt ist zu Ende. Nein, ist wegen dir und mir ist sie es nicht. All die in meinen Augen meist plumpen Menschen mit ihren Kötern und Kleinwagen und ihrer Kurze-Hosen-Bräsigkeit sind also unabweisbar auch Nachbarn.

Das Beste, wie immer, sind die Gerüche. Im schnell hergestellten Durchzug erfüllen sofort Baumdüfte die Wohnung, etwas von Harzen und Lockstoffen, Bitterzutaten von zerstoßenen Blättern und Rinden, fein gemahlenen Blüten und frisch gebrochenen Zweigen, aufgestöberte Ingredienzien aus sämtlichen bisher ungelüfteten Etagen und Lagen der Chlorophyllproduzenten herum die Häuser, jetzt aufgewirbelt und herangeholt und verteilt und mit der elektrischen Reibung in eine neue pheromonische Entzündlichkeit gebracht.

(Und wie jedes Mal ergibt sich damit die Ahnung, die Witterung, meines kreatürlichen Zurückgebliebenseins, nämlich ausgerechnet diese Reichhaltigkeit an Anima [Ceronetti], an sensorischer Intelligiblität nicht genügend für mich fruchtbar machen zu können: Nicht in der Lage zu sein, sie zu lesen. Oder das Sublime sozusagen der Einzeltöne wie beim Hören einer Symphonie zu unterscheiden. – Man redet sich seine Talente ja oft schön, aber ausgerechnet der niederste der Sinne war mir immer schon wichtig.)

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Mit Ästen in den Oberleitungen kann eine Straßenbahn nicht weiter, und deren Licht erhellt mit dem Einbruch der wirklichen, nun ein bisschen ungläubigen Nacht jetzt die Kreuzung.

Obwohl die Ampeln funktionieren, halten sich immer weniger Leute daran. (Am nächsten Tag, heute, ist die gesamte Kreuzung gesperrt, und die verbliebene Fahrspur wird verstellt von der Umständlichkeit derjenigen, die mit der Situation nicht zurecht kommen, sowie von der wie immer in ihrer inferioren Funktion quasi hoheitlichen Müllabfuhr. Ein Trupp Jugendlicher erkennt die Möglichkeiten und spaziert in dem abgesperrten Teil in der Mitte der Straße. Das vielleicht überhaupt Bemerkenswerte: Nirgends Polizei, keinerlei regelnde Instanzen.)

Die ganze Nacht über waren Sirenen zu hören. Noch gegen drei Uhr früh standen die Üblichen an der Ecke zusammen, da, wo sie immer stehen, weil es hier mit der Schließung der Kioske abends keine Treffpunkte mehr gibt. Sie sahen den Absperrarbeiten zu und genossen den Ausnahmezustand da, wo sonst nie etwas passiert. Vielleicht schwante ihnen auch einmal, wie sie selber der Aufstand sein könnten.

Weil ich mir die Fotogelegenheiten nicht entgehen lassen wollte – und in den rotierenden Warnlichtern mit meinen Blitzlein bestens gedeckt war – gelangen mir ein paar gute Aufnahmen. Aber die anderen, mit ihren blinkenden, Blickwinkel der entronnenen Katastrophe peilenden Telefonen, fotographierten ja auch.

Einmal sah ich eine junge Frau im Rennen auf die Wand vor sich den Schatten eines grotesken Tiers werfen. Einmal war, aus einem für mich nicht einsehbaren Bereich neben dem Haus, ein durchdringend gerufener Name zu hören. Doch die Tendenz zum Ausgleich in thermodynamischen Systemen, die bald wieder erwartete Normalität, hielt die Dämonen in Schach.

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Nachtrag: 30.000 Blitzschläge pro Stunde. Sechs Tote, schwerstes Unwetter seit Jahren, der Innenstadtverkehr lahm gelegt usw. Ich kann den nicht einsehbaren Teil der Kreuzung auf Zeitungsfotos sehen.

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