Das die halbe Nacht gegen das Fenster anstürmende Wetter wuchtet sich endlich ins Zimmer … aber nicht, indem es das Glas eindrückt (wie die Angst die ganze Zeit vorhergesehen und befürchtet hat), sondern indem es den Fenstergriff benutzt – den es hier also auch außen gibt. Und indem es diesen Griff betätigt, wird sie, diese Wesenheit des Wetters, irgendwie auch ‚personal‘.

Das habe ich seit der Kindheit nicht mehr empfunden, und das ist so bemerkenswert, dass es die Gewärtigkeit und das Bemerken selbst sensationell macht – und damit auch im Traum, als diesen Horizont, bewusst.

Denn jetzt ist es ein abstrahiertes Wetter (zum Teil wie aus einem Kinderbuch: schräge Striche für Regen, ein Gekringel für Wolken und die Backen eines den himmlischen Wind pustendes Gesicht), wie auch ein animiertes: ein Hauchleib (auf der Haut), ein Zeus’scher Regen (in der Wunsch-Imagination). Ein Wettergeschehen, der mit den subtilen Kräften seiner Wandlungsfähigkeit spielt, und obwohl immer noch in einem Zwischenbefinden außerhalb, auf der Schwelle, spüre ich all das doch auch sehr nah.

Und dann ist das Bett, in dem ich liege, tatsächlich mein altes Kinderbett. Eines hinter der nackt ragenden Außenwand eines Gebäudes ohne Nachbarhäuser, in dem ich tatsächlich oft Frühjahrs- und Herbststürme, Hundstage und Ungewitter überstand, aus dem heraus ich mich oft über mysteriöse Pfade eines magischen Denkens und Fühlens auf Abenteuer begeben hatte. Diese Transponierung ist noch als Reminiszenz so gefühlsbeladen, dass es mich weckt.

Das reale Wetter ist eher Nebel und Feuchte, Temperaturen knapp über Null. Ich fühle mich frisch wie tatsächlich von diversen animistischen, mir freundlich gesonnen Kräften berührt. So war die Stürmerei also vor allem in mir, wüsste ich auch weder Anlass noch einen Grund dafür. Noch einmal bin ich gerettet und unbedrängt.

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(Fundfoto: anonym)

Es ist ein Winter in der Zeit, als es Winter noch gab, das heißt, für hiesige Verhältnisse – niederrheinische Tiefebene – ist es kalt: mehrere Grad unter Null. Aber das macht mir nichts. In dem alten Haus, in dem wir wohnen, halte ich es aus in dem ehemaligen Etagenklo eine halbe Treppe tiefer, das jetzt als Abstellkammer für Reinigungsmittel und Besen dient und Momente des Alleinseins außerhalb der überhitzten Wohnung ermöglicht, für was auch immer.

Gerade schaue ich in der riesigen, uralten Pappel vor dem Fenster nach dem Gehusche von Vögeln, die jetzt in der Kahlheit besonders gut zu sehen sein müssten. Manchmal tschilpen auch ein paar Meisen oder es gibt weiter oben ein kurzes Hähergezänk, aber anscheinend wirken diese vor Sattheit ereignislosen Weihnachtsfeiertage mit ihrer Erpressung zur Verhaltenheit auch auf die Vögel. Das Haus, der Hof unten, das ganze einigermaßen weite Gartengelände dahinter, alles bleibt auffällig still.

Meine Absonderung hat längst eigene, wenn auch noch halb kindliche, halb versponnene Züge und Zeichen. Dazu in der auch noch schwach magischen, zur Heimlichkeit anstiftenden Welt der Feiertagsverschwiegenheit, der auch sonst eigenlebigen Hausgeräusche. Im Frühjahr, bei offenen Fenstern, gibt es das Flattern auf dem Speicher. Im Sommer das Baumrauschen, die summenden Schwebungen über dem Dach, die durchdringende Schreie der Mauersegler und das Barfuß-Tappen von Sieglinde, wenn sie Wäsche aufhängen kommt. Und jetzt ist wieder die Zeit der Windjammer im Kamin, des Ächzens im Gebälk, des leisen Klappen von Tapetentüren im morschen Traum von irgendwem, darin das Haus lebt, arbeitet, in meinen Phantasien nach Belieben wandert, zum Mausbau schrumpft oder sich auswächst zum Vogelhorst. Und so muss sie viel früher einmal angefangen haben, diese heimliche Lust in mir, das Leben der anderen zu verpassen.

Ich weiß vage, dass es lächerlich ist, wie ich mich verhalte, und fürchte ein bisschen, dass meine Eltern das Falsche an Grund annehmen, weshalb ich mich derart lange außerhalb meines warmen Zimmers aufhalte. Aber ich will auch raus aus der Absonderung, will mich ein bisschen an der Kälte entzünden. Ich will ein Beobachter sein, oder mich zumindest darin jetzt ein bisschen üben.

Vor ein paar Wochen, im Herbst, hat mich unter dem Auffliegen einer Wolke Stare auf einem Feld so eine gewisse Art Schwindel erfasst, und auf einer gewissen Frequenz klingt und schwingt in meinem Kopf noch etwas davon nach. Ich ahne, wie das etwas aus der Zerfahrenheit wie aus der schieren Unzahl der Vögel wie auch der kurzen akustischen Phrenesie gewesen sein muss. Aber etwas für solche Dinge Empfangs- oder Überwältigungsbereites in mir kommt über etwas mir außerdem daraus Vermitteltes nicht ganz weg.

(Ähnliches wird mir später im Leben immer wieder passieren, als eine Art mentales Kammerflimmern, als Schwebung und vorübergehende Regellosigkeit im Kopf. Einmal während des zum Herzstocken schwarzen, zuerst nur in den Augenwinkeln erspähten, dann wie über mich hereinbrechenden Aufflatterns einer Brueghel‘schen Winterszene auf einem Friedhof in Wien. Ein andermal in Münster auf der Promenade, über einem Anflug wie von Levitation und Selbstausstreuung durch einen luftgeistigen Schwarm Meisen direkt über mir. Und immer wieder mal das alle inneren Routinen kurz aufstörende Schwirren über den Dachkammern, in denen ich dann wohne. Und sind das, zwischen Hinreißungen und Herzaussetzern, auch Momente für einen Einfall an Heiligem Geist? Oder nur solche, in denen ich fürchte, wie etwas an Spleen oder seelisch Flatterhaftem in mir dem allzu leichtfertig entgegenkommt?)

Dafür ist Gesang von Vögeln für mich neuerdings genau das: Gesang. In meinen ausgedehnten Garten- und Streunerrevieren eine Art Radio für irgendwie bipolaren Freiheitsempfang: einerseits eine luxuriöse Vielfalt von Stimmen, andererseits diese nistkastenmäßige Schmalbandigkeit. Aber ich bin auch schon entfremdet: Manchmal fühle ich so was wie eine heilige Scheu, wenn ich wenn ich auf ein belegtes Nest stoße und damit auf einen irgendwie mir eine unbekannte Achtung gebietenden Bereich. Denn eine andere Befürchtung in mir ist, wie demnächst meine eigene kleine Absonderung bedroht sein wird in dem, was mit dem Älterwerden als unwillkommene Forderungen nach mir greift.

Ihre Käfigvögel sollen die als Kind vereinsamte Maria Callas zum Singen gebracht haben. Nur mir selber ist, mich auszudrücken, kein Schnabel gewachsen. Dafür habe ich angefangen, Vogelfedern zu sammeln und für die Suche danach in Hecken und Böschungen und noch ins Unwegbare zu klettern. Meine Eroberungen klebe ich zu einer Art Schamanenmantel auf die mir von einem Nachbarn überlassene Anglerweste in einem frühen Nato-Grün. (Habe ich von Beuys damals schon gehört? Merkwürdigerweise denke ich in dem Zusammenhang immer an Saint-Exupéry. Möglicherweise geht es beim abgestuften Sortieren der Federn um Farbenlehre, beim Gestalten des in mir Gestaltlosen um Ästhetik als seelischen Aufflug, als Schwingenersatz: Little Wing. – Aber dann gebe ich das auf. Ich würde die Weste ja doch immer nur für mich allein tragen können, will aber auch mir selbst gegenüber kein Spinner sein. Oder es fehlt mir eben an Durchhaltevermögen, am wahnsinnigen Element.)

Zum Geburtstag habe ich einen großartig bebilderten Band Vogelkunde bekommen und will die Tiere jetzt aus eigener Anschauung sehen (sind sie in Wirklichkeit auch oft enttäuschend graumäusig). Ich phantasiere sogar darüber, später mal Vogelkundler zu werden, weil ich mir vorstelle, dass man dazu die ganze Zeit draußen sein und also mit guten Gründen herumstreifen, sich am Lebendigen erquicken und kleine Beobachtungsabenteuer erleben kann.

(Auch später frage ich mich noch eine ganze Zeit lang, ob das nicht, in Form eines Biologiestudiums, eine ernsthafte Option wäre, wo mir doch demnächst eine Entscheidung darüber abverlangt werden wird – ich habe sonst nicht den Hauch einer Idee von einem Beruf: Wie komme ich als vor allem Unfertiger zu einem derart folgenschweren Entschluss? Müsste es nicht mich irgendwie berufen? Wie wird man erwählt? Wenn ich von den wohl wirklichkeitsbezogenen, aber ernüchternd prosaisch klingenden Berufsvorstellungen der anderen höre, erschreckt es mich jedes mal: Ein Leben auf immer in derselben Einfalt derselben Branche? In einem Büro? Und bin denn nun ich kühner in meinen Wünschen? Oder im richtigen Leben nur im Hintertreffen und ein bisschen zu früh zu hoffnungslos? Ich bin, als spät im Jahr Geborener, nur bei der ersten Einschulung noch mit rübergerutscht, und meine, je nach Sicht, Nachzüglerei oder kalendarische Frühreife wird mich auf immer prägen.)

(Und auch das noch: nachdem ich im Laufe meines Lebens in Berufen gearbeitet habe, die es heute so gut wie nicht mehr gibt – oder wegen der Computerisierung nur noch mit einem arg simplifizierten, von jedermann zu erfüllenden Anforderungsprofil -, bin ich auch erleichtert darüber, das mit der Ornithologie gelassen zu haben: Zwar will ich mir immer noch einbilden, dass es mich hätte erfüllen können. Aber ich ahne auch, dass bei den dramatischen Aussterberaten noch der gewöhnlichsten Hausvögel heute mit bis zu 90%! auch das anfangs damit verbundene Glück sich später als ein prekäres, ein schließlich nur noch entmutigendes entpuppt hätte.)

*

In der Klasse schwärmen sie jetzt alle von dieser neuen französischen Sängerin – Wachspuppe, Sprechpuppe -, aber ich finde sie klebrig, und für mich klingt in ihrem Stimmchen manchmal etwas Schrilles an. Oder kommt das vom Playback? Macht eine ihr Begreifen übersteigernde Mechanik um sie herum sie zur Konserve? Doch zwingt es auch mich immer wieder hinzuschauen, wenn sie im Fernsehen in ihrem fad-hübschen, ausdrucksarmen Zahnarzthelferinnengesicht diese winzigen, einen Glanz auflegenden Mädchensachen macht, als hätten sie in ihr eine Herkunft. Ein Lockvogel hinterm Berg ist besser als zwei verdruckste Turteltauben auf dem Dach, aber wie hat es als derart Unfertige denn sie erwählt? Immerhin der Text gibt zu denken (Die Hitze der Jungs). Wachspuppe, Aufsagepuppe. Wie kann es das himmelschreiend Falsche sein, das so viele Leute wähnen zu lieben?

Aber entspricht das oft erbarmungswürdig Simple der Lieder nicht überhaupt einer Verlegenheit, die darin nachgesungenen Worte als Platzhalter für das eigene, meist so wort- wie hilflose Fühlen zu dulden? Doch ergeben sich damit auch immer öfter erste Abstraktionen. Places I remember. In my life. The word.

(Manchmal fallen mir in Büchern Wörter auf wie Brosamen und Wintersperl, solche, die kein Mensch um mich herum je benutzt, die in mir aber flattrige kleine Aufmerksamkeiten bewirken, wenn auch womöglich spinnerte wiederum, die neben der Grenze zur Anverwandlung eine naive, kreatürliche Sympathie mitmeinen gegenüber Wesen mir schwarz-perlenden Augen, leyergeschwänzten Fittichen und einem Talent zum Produzieren von harmonisch klingenden Intervallen und winzigen Melodien. Meine Investitionen in Vogelfutter gelten ebenso wie der spiegel-neuronischen einer spleenigen, assisihaften Pflicht gegenüber Lebewesen, die an etwas in mir rühren, das selber beschützt gehört.)

Zwischendurch gehe ich mich dann doch mal aufwärmen und höre auf meinen kleinen tragbaren Plattenspieler auch rasch noch mal die B-Seite, I‘m free. Das Glanzlose, die höhepunktlose Beständigkeit bei dieser Nummer ist es, die mich anspricht.

(Später wird die Platte als eine meiner ältesten immer leicht eiern, weil sie länger unter einen Stapel Bücher gerät, aber das stört weiter nie: Es scheint darin ein Moment auch der Stetigkeit selber, des verlässlichen Überdauerns gespeichert, wie bei einer Maschine, die immer noch mal anspringt. Und noch einmal. Und ist das nicht überhaupt die Qualität dieser alten, nie ganz zu erschöpfenden Musiken, die nicht mal herausragen müssen, wenn sie nur im rechten Moment genug eingängig sind?)

Zur A-Seite hat Peter Köhler neulich zu mir gesagt: Weißte, was das heißt?, und dabei eine komische, sich anzüglich-wissend gebende Bewegung mit der hohlen Hand über seinem Schritt gemacht. Aber noch mehr wunderte ich mich über seine Selbstverkennung, weil gerade ihm beim Übersetzen schon mal groteske Fehler unterlaufen (the eastern plaines = die Oster-Flugzeuge) und er auch sonst nicht gerade eine Leuchte ist. Dafür weiß er schon ewig, was er werden will, nämlich Chemiker, wie sein Vater, der bei Henkel das Persil in den Bottichen rührt. Die Taube auf dem Dach ist besser als der Spatz auf dem Dach. So einfach also kann das Leben sein.

Aber wer die Andeutung nicht versteht, der braucht auch keine Erklärung. Mein vermeintliches Zurückgebliebensein und der Vorwitz der anderen, die sich oft selbstgewiss zu geben verstehen, auch wenn sie gerade unverstellt blöd sind, verunsichern mich oft doppelt. Aber ich bin eben leicht zu beeindrucken, und fange gerade erst an zu ahnen, wie das Meiste im Leben eine Sache lediglich von den dazu infrage kommenden Haltungen sein wird, vor allem von dem einen Talent, sich immer einen passenden Anschein zu geben. Vor allem das ist es, woran es mir vorläufig fehlt. Wer werde ich sein? Ich ahne, ich bin nur bedingt frei, um was immer zu tun oder was immer zu wählen. Muss ich es mir nur selber genug einreden? Love me, hold me. Ich bin gerade dreizehn geworden.

 

 

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(Auszug aus „… zwölf, dreizehn, vierzehn.“)

(Versuch über das Pilot-Gedicht …
eine Flugschreibung, Stoff & Sammlung / erster Entwurf)

 

„Auswertung der Flugdaten“

       

Lubitz, Du verkapselte black box
geheim versehrte Seele unter Signalabfrage:
Im Falle des Versagens als Ganzes auszutauschen

     Souverän ist wer über den Ausnahmezustand von anderen bestimmt?

Auch ich war ein Pilot einst zwischen Eiswürfeln
Polkappen augenblicklicher Schmelzen zwischen Drinks
& Instantpulver im Blut Kälteschutz und Kerosin

    – nur hat es mich nie an ein Steuer gedrängt

Aber zwischen Hyperbolik und Größenwahn doch zu vollem Stoff („Flugbenzin“)
 

Rechts die Barentssee links der Ostafrikanische Graben
Aller Welt unser Höhen-Ich wie aus dem Weltraum gesehen
Nur wo ist da noch das Erhabene Raum wie nichts sonst
in leichtem Unterdruck die Un/Lust des wohltuend all uns
Zwingenden das all uns lenkt und rasend übersteigt?

        Up there’s a heaven Down there’s a town
        Blackness everywhere and little lights shine

Kontaktverlust 10:41h.
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

       

        Und kann das letzte Unteilbare heroisch sein?
        (oder rasende Beweggründe niedrig?
        oder sind sie sämtlich idiotisch?)

        Einmal galten Piloten als Pioniere der Moderne –
        heute sind sie wie Busfahrer im Pendelverkehr
        bleibt ihnen Ich-Terrain als Landgewinn.
        Die Auffassung über uns übrige Psychos ist
        wie gerade das immer wieder Unausdenkbare / das Extrem /
        das sich hervorzutun drängende Ich Einzelner
        das Weltverständnis erweitert

        (So wie der Kapitalismus am lebenden Objekt /
        am offenen Herzen aus seinen Krisen lernt:
        Der Fortschritt sitzt ohne Empathie am Joystick
        und operiert telemetrisch das Zucken des roten Muskels
        von Reiz Reaktion und nicht an sich haltender Vernunft)

       

Überflieger im code sharing von Apparat & Seelenverschaltung
Knoten in einem Verkehrsnetz das die Welt nicht berührt
streifen wir Küstenlinien Fraktale im Sinkflug schroffe Materie
und ein schwarzer Kasten fernmeldet Feindgerät –

Und dann ist da weit und breit keine Botschaft
nur die stille Bahn von Raumschiff Erde
lichte Gipfel Verzweiflung und ein signal lost
Auch du bist ein Pilot am Ende

           

    Nein, Bruder Lubitz, in deiner Box ist kein Geheimnis
    nur SIGINT das Selbstmonitoring derselben alten Schwärze
    in uns beschlossen die guten alten Kräfte
    Schrecken, Gewalt und Herrlichkeit in Alarmrot
    (und am Ende ist auch wieder alles analog)

    Den anderen auf ihrer Flughöhe der Fußgänger
    gebucht auf Amnesia Airlines & breaking news
    bleibt das Unbegreifliche in immer kleinere Begreiflichere
    zerlegt Schallaufnahmen Schuhkartons abgeworfen
    als immer neue schwarze Kisten das Ungeduldspiel
    der eintreffenden Meldungen die Geschehen
    unter exorbitalem Extremdruck gestaucht

    Ein Jeder ein Vermessener Haaresbreiten von
    eigenen Hemisphärenkurzschlüssen entfernt ist uns
    die Menschheitsdämmerung Unterhaltung alle Daten
    kommen als audience flow & deep packet inspected
    – und wir wissen immer noch nicht was uns passiert

    Die Landkarten werden zu unserer Landschaft und
    die Tatsachen zu einer Art Top Gun im Datenraum
    Das haarscharfe Verpassen im Thrill zu den Extremen hin
    tuned uns zum Ausnahmezustand als neues normal high
    Nur bleiben wir zwischen Bruchlinien der Metrik Fragmente
    follower Vorhergesagte Bündel von Schmerz predictives
    Pings auf unser eigenes Schwindel-Ich

           

            (the clear blue skies over Germany)

           

    Und noch das Finale scheint immer öfter subtil entwertet
    Zuletzt doch enttäuschend unsere Maschinen für Helden über
    mitteln sie uns nur ihr Schweigen und ihre Atemfrequenz

    Keine Souveränität für Niemand Nirgends ein autonomes Daseinsfeld
    Der gefährlichste Feind sitzt im Innern
    Das eine Flugzeug finden sie das andere nicht
    (und das Schicksal des Dritten können sie vor Einsprüchen in
    den signal overflow dann doch nicht eindeutig bestimmen?)

    So wie es hilft das Fühlen und die Fakten zu trennen
    so macht es langsam auch irre

    Und so kann auch mit immer noch Schlimmerem gerechnet werden

    Vor den Erfahrungsdaten stehen die Aufzeichnungstechniken
    Immerhin die Signale kommen meist klar rein

           

           

    ***********
           

    „Alle Gedichte sind Pilotengedichte“ ist von Brinkmann (der gestern 75 geworden wäre, aber schon ’75 starb)

    „Der einzig denkbare Weg, um das Innere einer Black Box aufzudecken, ist, damit zu spielen.“ René Thom

    „There is no pilot“ (Laurie Anderson)

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– Es gibt keine Moral der Geschichte mehr, es gibt nur noch eine Ethik der Lektüre. (Rainer Just)

– Die Literatur lebt, wie die Demokratie, nur von den Gegenstimmen. (Julien Gracq)

– Keineswegs ist die Literatur am Ende, aber sie hat sich zu einer Subkultur sui generis ausdifferenziert, und die Tage ihrer Überschätzung als Träger der Nationalgeister sind vorüber. (Peter Sloterdijk)

Dafür haben wir jetzt dieses gewucherte System der Deutschen Buchpreise.

– Könnten wir das Gras wachsen hören, der Lärm würde uns umbringen. (George Eliot)

Alles ist ausgesprochen noch und noch und es hat nicht geholfen.
Vernehmen wir stattdessen die Warnung. Vermindern wir den Ausstoß an Poesie!

 

Geistesgemischtwarenhandel – alles muss raus
/ Sommerschlussgefühlsverkauf (frohen Herzens hoffnungslos verspätet) 

„Amerikaner geben für Stripteaseclubs mehr Geld aus als für Theater, Oper, Ballett, Jazz und klassische Konzerte zusammen.“
Und mein unverbesserliches Selbst denkt da immer noch: Ist das, mehr als ein Akt von ignorantischer Souveränität, nicht vor allem einer von verpassten Wahlmöglichkeiten? Die Freiheit, stets seinen „niedersten“ Impulsen zu folgen ist ebenfalls eine immer schon beschnittene.
(„We feel free because we lack the very language to articulate our unfreedom.“)

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„Das Absolute ist die Summe der Entschädigungen für das menschliche Elend.“(George Bataille)
Und ich lerne gerade erst anzunehmen, wie das Heilige immer auch das Unreine ist. Immerhin das ist aufregend. Auch das versteckte, das eigene Schmutzige ist Entschädigung.

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Neulich mal wieder der Gedanke (diesmal bei Bazon Brock), die Dinge einfach sein zu lassen: dass wir uns beeilen müssen die Welt als eine Sammlung von prinzipiell nicht lösbaren Problemen anzusehen. Künstler zeigten uns, wie man damit fertig wird. Aber Kunst hat sich ja dann eigentlich auch schon erübrigt, oder? Und das ist dann auch schon Teil der Erleichterung.

Bleibt nur der alte Grund für den nämlichen Verblendungszusammenhang: wegen dem wieder mal ausbleibenden Fortschritt, uns selbst zu verstehen vor dem, was wir am schlechtesten aushalten: eine heillose Welt.

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Beweis für die Unmöglichkeit der erlösten Gesellschaft: Wenn die Massen wirklich glücklich würden, würde das den Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttern. Und wir wären wieder in der Barbarei und müssten mühselig neu erlernen, zu Amerikanern zu werden.

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Ach ja, und Amazon?

Amazon: An online Titanic. Offering free shipping.
( @NeinQuarterly )

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