(Zum Betriebssystem des Betriebs … )

Schon seltsam: Da wertet eine – immerhin – Literaturnobelpreisträgerin einen Literaturbetrieb als „extrem korrupt und nepotistisch“ (am 27.02. hier ) — und man hört keinerlei Reaktion.

Auch wenn man Jelinek nicht mag, sie nach ihrem Teilrückzug als Vergangenheit ansieht oder solche Qualifizierung mit ihrer überspitzenden Art zu schreiben abtut, würde man doch ein paar Reaktionen darauf erwartet haben.

Bisher sind es fast nur (kleine) österreichische Medien, die das melden. Und was ist mit dem deutschen, sich sonst zuständig fühlenden Feuilleton? Sind anscheinend noch alle von Billers Bollereien erschreckt und erschöpft …

Oder es läge eben am Schock der erstmal zu verarbeitenden Wahrheit.

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17 Kommentare
  1. Vielleicht liegt es auch daran, dass das eigentlich (eigentlich!) jeder weiß? :-)

  2. Wirklich?

    Zwar bin ich da ein (fast) komplett Außenstehender, aber ich hatte doch vermutet, dass es ab einem gewissen Level – einem noch unter Nobelpreisen – etwas anders zugeht. Schon weil es mit den gewissermaßen steigenden Qualitäten, denen von Inhalten wie von Beteiligten, von Geldsummen und Öffentlichkeit und so weiter auch irgendwie geistiger, durchgearbeiteter … kunst-wahrhaftiger zugeht. (Und ich spreche hier n i c h t ironisch.)

    Allerdings lese ich gestern in einem Buch über den Betrieb (Karin Strucks Ingeborg Bachmann-Buch … durchsetzt von einer der Verzweiflung ständig nachgebenden „Hoffnung auf literarisches Leben“), dass es wohl immer schon ganz schrecklich verlogen zuging. Dazu schrecklich berechnend, was Geld, was die Zuwendung von Verleger und Kritikern sowie die eigene Ruhmsucht anging.

    Die Frage ist, wieweit das bei weniger wehrhaften Naturen gleich an die Existenz geht … an die, die mit dem Schreiben zu dieser (vielleicht aber auch von mir längst zu altmodisch gedachten) „Wahrhaftigkeit“ angestrebt wird?

    Na, da behalte ich wohl besser meine hoffnungslos hoffende Naivität. ;-)

  3. Ist die beste Verteidigung (in diesem Fall) nicht das (Be-)Schweigen? (Mich hätte etwas anderes eher überrascht.)

  4. Ich halte das für immerhin eine „starke“ Aussage von einem „starken“ Sprecher – da wirkt das Schweigen umso auffälliger. Und sowieso seitens der Wortkünste.

    Aber ich glaube, ich hatte auch gar keine Verteidigungen erwartet. Denn die wäre sicher ihrerseits verräterisch ausgefallen. Und vielleicht IST das der Grund. Das offenste Geheimnis, das Offensichtlichste – es muss beschwiegen werden.

  5. Ja, allerdings wurde die Aussage in keinem offiziellen Kanal getätigt; insofern fällt das Schweigen nur denjenigen auf, die auch abseits mitlesen (hätte Jelinek das in einem ZEIT- oder FAZ-Interview gesagt, wäre es womöglich anders gekommen).

  6. Nein, das glaube ich nicht, dass das der Grund für das Schweigen ist.

    Wenn so jemand wie ich das liest / findet, tun es die Damen-Herren Kultur-Redakteure/Kommentatoren erst recht.

    Immerhin handelt es sich hier um eine wichtige, spektakulär und ausführlich besprochene Theater-Dichterin.
    Und immerhin handelt es sich hier um eine einigermaßen spektakuläre Deutung zu einem sich selber als krisenhaft wahrnehmenden und gern ausführlich besprechenden Betrieb, einem, der jedes obskure Startup ausführlich bemeldet und kommentiert (etwa: mit der Idee, demnächst Ebooks zu lesen mit einzublendender Reklame).

    Um es überspitzt zu sagen: Auch das Schweigen ist korrupt.

  7. Wenn man es finden will, ja. Jelinek hat sich ja — sozusagen — selbst aus dem Betrieb genommen, eigentlich eine Unverfrorenheit, einfach ohne ihn auskommen zu wollen, oder?

    Man könnte jetzt natürlich verwundert feststellen, dass die Redakteure doch auch eine Menge an Büchern abseits der überall besprochenen finden müssten, was kaum geschieht (zugegeben: meine Verwunderung ist gespielt).

    Aber es ist schon richtig: Auch das Schweigen ist korrupt.

  8. Aber die literatur ist doch überhaupt schon in ihren ansätzen korrupt, weil sie nämlich – gerade was nahezu jeden literaturpreis, auch abwärts vom nobelpreis, betrifft – politisch interpretiert wird. Erfolg wird ja gemacht und nicht erschrieben, sonst sähen auch die preisträger anders aus.

  9. Deshalb hatte ich vom „Betriebssystem“ geschrieben – „die Literatur“ an sich würde ich in jedem Fall noch als emphatisch betrieben empfinden (der „heilige“ Text; der Roman, der einen Jahre kostet; das hermetische Gedichtkonstrukt nahe am Unsagbaren usw.). (Und das alles im Unterschied zu den Genre-Büchern – die es vielleicht auch geben muss, die aber allzu oft die originäre Literatur aus dem Bewusstsein drängen.)

    Tatsächlich aber verweist ja Jelinek, mag man von ihr halten, was man will, mit ihrer Praxis der Verweigerung des Betriebs auf etwas Utopisches, das all den Schreibern, die tendenziell darauf angewiesen sind, diesen Betrieb zu beliefern um überhaupt vorzukommen, nicht ignorieren können.

    Ja, Erfolg wird vielleicht wirklich eher gemacht – aber damit ist er eben kein genuiner Teil von Literatur (also irgendwie ambitioniert-gewidmetem Schreiben). „Kunst“ wird heute nach Quote gemessen. Und da beginnt es dann korrupt zu werden, weil alles, was gezählt wird auch manipuliert wird, und somit das Manipulierte trotzdem auf das Erstere jedweder Kunst zurückwirken kann.

    (Aber wahrscheinlich müsste man eher die Menschen abschaffen, denn eine „reine“ Kunst zu schaffen. Und trotzdem bleibt das für manche der Ansporn.)

  10. Die Bewertung von Literatur (Kunst) ergibt sich nicht nur aus dem Moment (viele Autoren waren einmal bekannt und sind mit vielleicht einem oder gar keinem Werk bei einem größeren Publikum geblieben). Erfolg wird gemacht, auch. Die ästhetischen Urteile können oft verschiedener nicht sein, aber es gibt dennoch eine Zahl von Autoren, die nicht zu Unrecht bekannt ist (das Problem ist vielleicht eher, dass sie zu bekannt sind, oder andere zu Unrecht, gar nicht).

  11. d’accord. Das problem wird sein, ‚erfolg‘ und ‚literatur‘ in einem atemzug zu nennen. Beides scheint jedoch ein menschliches bedürfnis zu sein. Ohne wahrnehmung gibt es die welt nicht. Schwierig wird es freilich, wenn man qualität schafft, also : qualität in der wahrnehmung. Das tut der betrieb unablässig – und es fallen ja nicht gerade dumme menschen darauf rein. Das problem der kritischen masse ist offenbar.

  12. Wobei „kritische Masse“ – dazu in seiner vielfältigen Bedeutung – überhaupt ein interessanter Punkt bei all dem ist.
    Kennte man sie jeweils (oder könnte man sie als Koeffizienten in Abwägungen mit- und gegeneinender bringen), hätte man vielleicht eine klarere Sicht auf die Dinge. Und womöglich sogar so etwas wie einen Handlungsfaden zwischen Literatur und Erfolg, ein „Rezept“,

  13. Erfolg ist, das gehört unbedingt in diese Diskussion, überlebenswichtig, will man vom „Handwerk Schriftstellerei“ alleine leben. Erfolg ist auch: Motivation und Anerkennung. Die Diskussion, ob etwas Literatur sei und warum man in bestimmter Art und Weise über sie spricht, ist sehr oft vom Erfolgszwang überlagert und verwischt. — Der Betrieb verdankt einen Gutteil seiner Existenz der Vermittlung und Herstellung von Erfolg.

  14. Ja, Erfolg ist schön. Handwerk ist schön. Und noch schöner, wenn es alle beherrschen.

    Ich frage mich nur, ob die Ideologie „Erfolg“, ob das Wissen-wie, nicht mehr zur Vereinseitigung führt als zum goldenen Boden. Und wer keinen festen Tritt auf den neuerlichen Unwägbarkeiten hat, bleibt ja doch selber schuld.

    Natürlich ist der Wunsch nach Erfolg Teil der Anstrengung, und ist außerdem Transmission für die meisten Aktivitäten, für lebendigen Dampf-Betrieb. Aber wenn alle das gleiche wollen, ist das eben auch nur der bekannte Gleichrichtereffekt.
    Und schon wollen es wieder so viele, dass es das Gleiche für alle nicht geben kann. Ein Teufelskreis.

    Gott sei Dank kann man auch anders überleben.

  15. Ja, da kann man glaube ich recht sicher sein (was die Vereinheitlichung betrifft). Man kann versuchen Erfolg anders zu definieren oder fragen in welcher Relation er zum eigenen Tun steht (und was er bewirkt).

    Hm, wurde Erfolg früher, sehr viel früher, anders verstanden? Heute bedeutet er ja Quantität.

  16. Erfolg ist ja (vor allem) erst mal Aufmerksamkeit, Beachtung, Relevanz, Einfluss, Wirkung. Allerdings wird es hier auch schon zweifelhaft.
    Aber natürlich muss Erfolg auch eine Qualität sein, wenn er so viele in einem Interesse oder gar einem guten Urteil über eine Sache zusammenschließen kann. Er ist eine starke Verführung, er erarbeitet Orientierung und Gemeinschaftlichkeit.
    Die Probleme beginnen, wenn alle an ihm partizipieren wollen und er zur herrschenden Idee wird und zur Hinderung von anderen. Dann müssen die ihn (oft gegen sich selbst) verachten.

    Allerdings, überhaupt: Erfolg ist (scheint) selber demokratisch. Das ist vielleicht seine vordringliche Legitimation.

  17. Stimmt schon: Man kann Erfolg als ein qualitatives Urteil von vielen lesen, vergleichbar mit einer Wahl. Man kann ihn aber auch zu schaffen oder machen versuchen (das was viele tun, ist immer auch anziehend, manchmal wie ein Magnet).

    Anderes ist wahrscheinlich viel wichtiger, aber weniger vordergründig.

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