Vorgang Reader

Ich kann es nicht beweisen (obwohl ich Zeugen nennen könnte), aber ich habe schon früh gewusst, dass Steve Jobs ein viel größerer Unsympath ist als Bill Gates.

Natürlich nicht vor seiner massengehaltenen und sich trotzdem herausgehoben dünkenden Konsumentenschar. „In einer von Markensymbolen angetriebenen Gesellschaft wäre es seltsam, wenn es keinen kommerziellen Messias gäbe.“ (Douglas Atkins) Leider war ich auch schon früh Rundum-Atheist.

Jetzt also biometrisches Einkaufen. Und klar, diesmal keine Hintertüren, es wird niemals etwas gespeichert oder an wen weitergegeben werden …

Aber braucht es jetzt wirklich einen solchen Zugang zu den eh schon genug geschlossenen Konsumenten-Welten? Es mag an meiner kritisch-paranoischen Verkopftheit liegen, aber mir fällt da neuerdings immer öfter Giorgio Agamben ein, laut dem das Lager „das biopolitische Paradigma des Abendlandes“ sei. Und Vorwärts-Affirmation (=Verteidigung) ist eben auch Krieg (sage ich).

Ich habe weiterhin kein iTunes-Konto und werde mein Lebtag kein Gerät von denen kaufen, aber es ärgert mich trotzdem. Auch wenn es wohl schon zu spät, und die geistige Einhegung durch die Amazon-Empfehlung und die Autokorrektur schon viel weiter ist, als es uns aufgeht. Die wissen schlicht vorher, was wir lesen wollen, ist alles zu algorithmisieren. Und die wissen auch besser, was wir meinen. Sonst meinen wir eben besser, was die uns vorschlagen: mehr vom Selben! Sagen alle meine Freunde schließlich auch!

Komisch, dass auch meine Idee von Freundschaft immer noch eine ganz andere ist. Hat aber wohl auch mit dem (Lebens-)Alter zu tun.

Dabei hatte ich früh auch so ein weißes Kästchen (das billigste von allen) zum Ausprobieren gehabt, und es hatte auch zwei, drei Situationen gegeben, das Ding mit sich zu führen und Text abzurufen. Auch wenn es eher ein Überfliegen denn ein Lesen war: Ich glaube immer, ich könnte ganz gut lesen am Schirm, weil ich mich dran gewöhnt habe, aber es ist doch etwas anderes. Überfliegen ist schon das bessere Wort. Geistiges Überfliegen, dass sich gern informiert dünkt. Ich durchdenke das wohl besser noch mal.

Nicht, dass ich annehme, dass es für irgendein anonymes Marketing von Interesse oder gar Vorteil ist zu wissen, wenn einer wie ich 20 mal hintereinander den selben Hölderlin-Text aufruft – und er war auch noch kopiert von einem Netz-Ort namens Gutenberg!

Ich bin nicht so paranoid, dass ich mich für ein Aufklärungsziel halte. (Aber ist heute nicht alles ein Aufklärungsziel?) Es passt mir trotzdem nicht, denen das zu wissen zu geben. Es passt mir einfach nicht, wenn bei jedem Anstöpseln zur Akku-Aufladung meine Lese-Daten übertragen werden, ohne dass ich jemals wieder etwas davon höre. Es geht überhaupt niemanden was an.

Jetzt also biometrisches Lesen. Unser gleißend gemachtes Konsumenten-Lager: Auf allen bunten Oberflächen eine Hintertür zur Macht. Die wissen schon besser, was wir uns wünschen. Und mit den Jahren dne Konsens-Ideen der Vielen gefährlicher geworden bin ich auch.

Wenn also die Datensammel-Bots der neuen Art Verlage auf dem Reader jeden Lesevorgang mitprotokollieren, wird dann die alte Form zu lesen zu so etwas wie Widerstand? Eine nicht mal mehr romantische Idee.

Auf der Netzseite, auf der ich mich manchmal über das Geschehen auf dem sich ja auch täglich neu dünkenden Ebook-Markt informiere, wird die gute alte, die „alte“ Autorenschaft, der ich mir einbildete anzugehören (obwohl ich auch dazu Distanzen pflege), diejenige also, die etwas länger nachdenkt – als am Markt vorbei-produzierende gesehen – als quersubventionierte. Schäm dich, erfolgloser Autor!

Aber ist das noch neo-liberal, oder ist das schon eine Steigerungsform davon? Und hat er nicht Recht! Weg mit den Minderheiten-Literaturen! Werden ja auch demnächst unsere postdemokratischen Freihändler von drüben für sorgen! Gute alte Buchpreisbindung, guter alter Rheinischer Kapitalismus, bei dem für jeden etwas abfällt. Weg mit allem, was sich nicht selber trägt! 

Nur – können jetzt wirklich alle Genre-Lesefutter schreiben? Die Erfolgsmeldungen über die selfpublishing-Hits sind so einfältig wie verräterisch. Sie sind selber das Marketing: Publizier Dich, Du! Versuch Du es auch! Jeder Mensch ist ein Autor! (Und die hielten Adornos Blick auf die Kulturindustrie für passé! Bloß weil deren Apologeten jetzt als Micky-Maus Figuren rumlaufen!)

Und natürlich ist auch Literatur-Literatur ein Markt – sagt ja sogar schon der Betrieb mit seinen verschnarchten Buchpreisen dauernd! Er ist (und war immer schon) eben nur kleiner. Und älter. Wie im Durchschnitt die Teilnehmer, die da agieren. Ach ja, Alter, weißt Du: Die Jelinek, Jahrgang 46, war unter den ersten namhaften aktiven Schreibern im Netz, und sie ist in ihren Publikationsformen auch schon viel weiter: Das, was jetzt erst mal ausprobiert werden soll, hat sie schon längst gemacht!

Wird ihr aber trotzdem zum Nachteil ausgelegt.

Aber stimmt, Buchkitsch (Porombka) ist nun wirklich passé. Also Cyber- & Gadget-Kitsch soll es jetzt sein.

Und das Ende des Autors (Barthes, 1968), das Ende der Schrift  ist auch schon etwas älter (Flusser 1987), wie der Widerwille der Kultur-Legastheniker gegen das Schreiben überhaupt (Platon). Wir schreiben nicht mehr, wir tippen. Und seit jeder tippt, ist auch jeder ein Autor, logisch! Er braucht nicht mal einen Blog, er muss nur irgendwo angemeldet sein und seine Scores oder Avatare oder sonstwas an Micky Maus-Daten verwalten für die zu lesende Spur (Derrida).

Der erste, der mir auf der letzten Leipziger Buchmesse einen Prospekt in die Hand drücken versuchte, war einer dieser Selfpublishing-Dienstleister. Ich hatte da schon ein Ebook draußen, und ich hatte auch schon, auf der Messe!, die mir einzig konsequent erscheinende Idee, ab jetzt alle meine Texte zu verschenken. Verschenk-Texte – war das nicht mal bei irgendwelchen Öko-Tussis in meiner Jugend ein Hit? Nicht erst seit Neuerem ist Schreiben vielleicht eh business to business, auch wenn man kaum was dran verdient. Unter Dichtern ja sowieso.

Aber auch „die freien Texte“ hat die Content-Mafia sich schon unter den Nagel gerissen. So schustert sich jeder zusammen. Und so hat eben auch Kittler doch Recht, und wir rücken weiter vor in den protected mode. Die technischen Konditionierungen greifen immer besser, auch die, die Schrift noch als eingeführten Bedeutungsträger oder Narrationsgeber braucht. (Sogar Filme und Videospiele berufen sich auf ein Skript! Wieso eigentlich?)

Was bleibt? Bücher „für die vielen Deutschen zwischen 30 und 60, die auch im Erwachsenenalter das Jugendbuch bevorzugen“. (Sebastian Hammelehle auf SPON)

Wie der Erfolg von Apple vielleicht ein Menetekel ist, war es für den Buchhandel Harry Potter. Biologistisch gesagt: Das Aufkommen und die Ausbreitung der einen Großpopulation ist oft ein Fiasko für die kleineren. Aber dass man bei allem gesagt bekommt, wie bedroht die Arten sämtlich schon sind, daran haben wir uns ja auch schon gewöhnt.

Jetzt schreiben eben alle Feen- und Vampir-Romane und „Stadtteil-Krimis“ und Mittelalter-Sagas in 13 Bänden – auf den Readern merkt man nicht mal, was für Schinken das sind. Werden wir eben zu „Lesefutter-Knechten“ (Peter Handke). Diese kleinen BlackBoxes mit den Backdoors aus den chinesischen Billiglohn-Lagern als Signet für ein Leben ohne Entkommen sehen trotzdem schick aus. Es gibt sie jetzt auch wieder in neuen Farben!

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(Weil gleich die Frage kam zum Titel: Das ist eine Anspielung auf Wolfgang Hilbigs Buch ICH, darin Lesen und Schreiben mit Fragen der Identität unter totalitären Bedingungen verknüpft werden.)

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6 Kommentare
  1. Madame Aimee sagte:

    Ich hatte gedacht, du wolltest dich mit diesem ganzen Sekundär-Diskurs-Medien-Gequatsche überhaupt nicht mehr rumschlagen? Wo sind neue Gedichte?

  2. Ja stimmt, aber manchmal ärgere ich mich eben doch. Selbst als freiwilliger Randgänger wird man immer noch irgendwie eingemeindet.

    Und bei Gedichten, zumindest meinen, minimiert sich hier gleich die Leserschaft.

    Ansonsten stecke ich tief in den Erzählungen. Erwarte das Unerwartete! Sie werden ganz wunderbar!
    (Und etliche neue Ideen für Publikationen gibt es auch.)

  3. Komisch, ich sehe das sehr entspannt. „Self-publisher“ gab es immer schon (Proust!). Was neu ist, ist dieses Selbstbewusstsein, mit der sie glauben, dass schon alleine die Form genügt, in den Kanon des Interesses und der Bedeutung überführt werden zu können. Daher müssen sie das Buch entheiligen und zum E-Book machen; es sozusagen herunterbrechen. Das ist nichts anderes als das Feuilleton herunterzubrechen auf den Blog, der sich mit Feuilleton beschäftigt. Die Hierarchien sind (noch) andere. Botho Strauß will sie erhalten; die Adepten des Digitalen niederreißen. Damit machen sie sich – gezwungenermaßen – zu Stadthaltern des Ökonomischen. Für Zwischenpositionen (Bucheli!) gibt es keinen Raum, da beide Absolutheit beanspruchen.

    Ich lade E-Books nur über den Umweg über die Festplatte herunter. Dann kann mir niemand hineinlesen.

    Und ein kleiner Hinweis: Lesefutter-Knechte ist meine Übernahme von einem Diktum von Peter Handke.

  4. Obwohl der kommende Proust natürlich durchaus unter den Heerscharen von aktuellen Selfpublishern stecken kann, finde ich Ihre Relativierung in dem Zusammenhang doch sehr gewagt.

    Die Verfügbarmachung eines solchen womöglich nicht per se unschuldigen, aber dafür bisher immerhin souveränen Vorgangs wie „Lesen“ für die Datenausbeuter kann ich gar nicht genug schlimm finden. Es geht ja genau in die von Ihnen skizzierte Richtung: Totalitarismus – nichts dazwischen! Und da halte ich meine Bedenken für keine Übertreibung.

    Wenn man sich die Neigung zur Versimpelung von Regierungsstellen und die geistigen Verarbeitungskapazitäten gewisser Leute überhaupt ansieht und nur einmal an die Diffamierung für die so genannten Sympathisanten seinerzeit in der RAF-Hysterie denkt, sind demnächst womöglich simple Leselisten bei Amazon schon Grund für Verdächtigungen. Und wenn die Daten-Polizei gleich die „Brain-Police“ ist (Zappa in den seligen 70ern), sehe ich für Entspannung wenig Anlass – womöglich sogar für so etwas wie einen neuen McCarthyismus.

    Ich glaube, ich neige nicht zur Hysterie und weiß, dass ich auch virtuell ein Niemand bin (und ich will in diesem Leben auch nicht mehr in die USA reisen). Aber auch ich habe, zum Beispiel, diese Juli Zeh-Petition unterschrieben – zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt eine. Und jetzt fühle ich mich sozusagen als Feind. Da werd‘ ich wohl auch bald wie einer agieren.

  5. Ob die Relativierung bzgl. der Self-Publisher (SP) gewagt ist, werden wir vielleicht nie erfahren. Ich habe auch noch nie ein Buch eines SP vom Anfang bis zum Ende gelesen. Das muss jedoch nichts heißen, denn das, was von Verlagen da so auf den Markt geschmissen wird, ist vermutlich oft genug ähnlich schlecht. Und wenn es nur schlecht oder gar nicht lektoriert ist.

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    Datenausbeutern gibt man sich ja hin. Sie dringen ja nicht in die Wohnung ein und durchsuchen die Bücher nach Unterstreichungen ab. Es ist ein Akt auf Freiwilligkeit. Mir kommt dieses Lamento von Schirrmacher aus den Ohren heraus, zumal er sich selber nicht daran hält: Rund 90% seiner Bibliographie zu „Ego“ sind Kindle-Bücher. Bei Einrichtung seines Kontos hat er zugestimmt, dass das E-Book nicht in seinen Besitz geht, sondern nur die Nutzung. Er weiss, was er tut.

    In welchem seiner Kindle-Bücher er etwas Unterstrichenes gesehen haben mag, sagt er nicht. Auch ansonsten bleibt das doch eher diffus: Dass Verlage auf Autoren einwirken, um kommerziell nicht so attraktive Bücher/Textstellen zu verhindern, ist ja auch nicht so neu.

    Die Dystopien wie „Brain-Police“ oder McCarthyismus kann ich wenig anfangen. Zum einen ist man als Ich zunächst einmal nur als Konsument interessant. Dass die Daten, die auf diese Weise erhoben werden, ge- und mißbraucht werden können, ist klar. Was möglich ist, wird auch gemacht. Telefonate und Briefe werden seit jeher geöffnet, sobald man dahinter etwas Dubioses vermutet (Brieföffnungen habe ich schon selber erlebt). Elektronische Post ist sehr viel einfacher und unkomplizierter zu behandeln.

    Zuweilen habe ich den Eindruck bei einigen Personen, dass das Feind-Spielen (wem gegenüber auch immer) zur Lebensaufgabe wird. Es wertet ja das eigene Dasein auf eine gewisse Art und Weise auf. Genährt wird dies natürlich auch noch dadurch, dass keiner der politischen Kräfte in Deutschland (und/oder oder der EU) ein signifikantes Interesse daran zu haben scheint, dass die Geheimdienstaktivitäten wenigstens befragt werden. Hier setzt auch mein Kritikpunkt ein. Frau Zeh hat neulich in einer Fernsehdiskussion sinngemäss gesagt, dass sie sich nie einer politischen Partei anschließen wird. Genau dies wäre jedoch – nimmt man dieses System ernst – erforderlich, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Es ist mit Petitionen nicht getan. Ich kann nicht Fußball spielen wollen ohne die entsprechenden Schuhe anzuziehen.Und ich kann Leute nicht Ernst nehmen, die sich nicht die Hände schmutzig machen wollen.

    Das klingt arg hausbacken, spiessig vielleicht. Wie auch immer: Die USA hat immer wieder einmal paranoid reagiert. Man denke an die Ausbürgerung Charlie Chaplins. Und es gibt noch andere Beispiele. Und neulich ist ein Bekannter von mir eingereist; er wurde im Rahmen einer Stichprobe über Stunden befragt, bevor er seine Reise fortsetzen konnte. Sie sprachen die RAF-Hysterie in den 70ern in Deutschland an. Jetzt stellen Sie sich vor, was in den USA 2001 los war, als die Anschläge geschahen! Tausende von Toten; diese Bilder; diese Demütigung. Und ein Präsident, der überhaupt nicht souverän reagierte, sondern exakt das Muster der Terroristen bediente. Ein Blödmann. Es ist eine Banalität zu sagen, dass das Land damals „traumatisiert“ war. Ich will das auch gleich wieder zurücknehmen, weil es nach Entschuldigung klingt. Es ist nur der Versuch einer Erklärung. Diese Paranoia hat nicht aufgehört. Obama als Schwarzer, vermeintlich „Linker“, durchlebt in einer anderen Dimension das, was jemand wie Willy Brandt in den 70ern in Deutschland erlebte: Er galt als Vaterlandsverräter ob seiner Ostpolitik. Was machte er, damit nicht auch noch von der innenpolitischen Seite „Argumente“ geliefert wurden? Er verfasste den Radikalenerlass, der am Ende kuriose Blüten trieb und den Lokführer vom Öffentlichen Dienst ausschloss, weil er DKP-Mitglied war. Dass Obama nicht nur weitermachte, sondern die Ausspähungen womöglich noch ausbaute, hat damit zu tun, dass er im Falle eines Anschlags nicht als Schwächling dastehen will.

    Im Gegensatz zu Schirrmacher bin ich übrigens der Meinung, dass man sich sehr wohl aus der digitalen Welt verabschieden kann. Man muss – wie bei allem – nur bereit sein, die eventuellen Folgen (sofern es welche gibt) zu tragen. Niemand muss bei Amazon Bücher kaufen. Niemand muss einen E-Mail-Account haben. Niemand muss Online-Banking betreiben, usw. Vielleicht sollte dies als Möglichkeit viel mehr diskutiert und fokussiert werden. Das wäre zwar eine Kapitulation vor den Möglichkeiten von Geheimdiensten, aber wenn sich immer mehr aus den unmittelbaren Zugriffen absentieren, würden die gewonnenen Informationen lückenhafter werden.

  6. Klar, es ist zwiespältig mit der Buchverwertung – allerdings frage ich mich gerade wirklich, ob selbst ein Schirrmacher sich dieser kindle-Ausbeute verweigern könnte? (Aber es geht ja eigentlich nicht ums lesen oder besitzen, sondern um die Bedingungen, unter denen es neuerdings passiert. Die sind ja tatsächlich [rechtliches] „Neuland“, und es ist für alle ein Lernprozess.) Die Frage müsste m. M. nach viel mehr lauten: Wieso muss sich jemand überhaupt wieder verteidigen? (Und sei es nur vor dilettantischen ebook-Verkäufern.)

    Das mit der Freiwilligkeit glaube ich nämlich so nicht. Es gibt kein opt-out von der modernen und halbwegs praktikablen Lebensführung.

    Möglicherweise kann man sich mit entsprechendem Aufwand unliebsame Umwelt-Einflüsse vom Leib halten – weil sie aber ansonsten weitgehend akzeptiert sind (oder konsensuell hingenommen werden) bzw. der Aufwand völlig unverhältnismäßig ist, ist das in der Praxis pure Quichotterie und für mich auch kein Argument. (Es ist wie mit den Elektrosensitiven, die unter „Handy-Strahlung“ leiden. Keiner kann sagen, wie viel Paranoia und wie viel Empfinden dahinter steckt. Ist aber der eine, ignorante Ratschlag zur Resignation da das richtigere? Denkwürdige Alternativlosigkeit in der fortschrittlichsten aller Welten.)

    Die Erpressung also bleibt. Denn man könnte – etwas realistischer – ja auch darauf setzen (und ernsthafte Vorstöße nicht nur europäischer Datenschützer gehen dahin), dass die Datensammler gefälligst eine Option dafür bieten und sie auch akzeptieren. Womöglich muss das der nächste Slogan sein: DO NOT TRACK! Das würde auch signalisieren, den Kunden als solchen zu nehmen und nicht als Daten-Geisel. Stattdessen wird es wohl ein langer Kampf dahin.

    Ja, und da braucht es „Genossen“. Schirrmacher ist in meiner Achtung jedenfalls noch gestiegen, seit er – für mich, der das bis dahin eher kursorisch verfolgt hatte – die Denk-Zusammenhänge zwischen der konsumistischen Techno-Zwangsbeglückung, den seinsvergessenen StartUp-Promotoren und den Überwachern, also Militaristen, derart deutlich auf den Punkt gebracht hat. Und, was man so hört, lesen ihn auch die, die sich sonst das Internet von ihrer Sekretärin ausdrucken lassen. Von daher ist er womöglich eine wesentliche Stimme.

    Über Verlage weiß ich im Moment nichts rechtes zu sagen. Ich habe gerade keinen und will aber weiter schreiben und das beste Buchmedium scheint mir (außer das Buch) im Moment das Internet – und dort kann so einer wie ich nur untergehen. Von daher bin ich gerade, der sich sonst lieber um seinen Kram kümmert, auch „kritisch“. Von meiner lebenslangen Haltung her weiß ich, dass die Mehrzahl der Vielen noch nie auf der von mir gewählten Seite waren. Ich bin also allein. Da wird es umso wichtiger, seinen Feind zu kennen.

    Ich sage das aber auch im Hinblick auf die von Ihnen angesprochenen Feind-Sucher. Ja, die gibt es. Wenn der Feind – oder Antagonismus – nun aber das hauptsächliche mind-set ist, in dem die Welt betrachtet wird? Feinde „des Westens“, der Verfassung hiererorts, der „USA“ oder der „Literatur“ – es ist anscheinend immer auch stark Gegnerschaft, die „aufbaut“, die eine Position erzwingt. (Und die Grenze zwischen Harmoniebedürfnis und Toleranz, sprich Gleichgültigkeit verwischt auch immer mehr.

    Ich hatte große Bedenken, mich dieser Petition anzuschließen – dann aber doch das Gefühl, dass etwas getan werden muss, dass ich dahinter stehen konnte. Vielleicht zu viel überkommenes Polit-Verständnis alter Prägung. Und, wie gesagt, für mich „Neuland“. Mit dem von Ihnen angeführten Realismus, was die real-politische Veränderbarkeit angeht, mögen Sie Recht haben. Für mich aber ist es völlig unmöglich mich einer Partei anzunähern. (Das liegt nicht nur an meinem bisschen Künstlerschaft, sondern hat noch weitere, komplexe Gründe. Und Juli Zeh wird sicher ihre haben – sie hat ja noch Erfolg und ist eine bekannte Autorin, und wer will schon enden wie Günter Grass?)

    Insofern verstehe ich auch diese Sache, wieder aktiv etwas verändern zu sollen, das ich nicht herbei geführt habe, letztlich wieder als Nötigung (wie also, anstatt dass mir die politische „Wahl“ zum opt-out gelassen wird, mich selber kümmern zu müssen gegen unfreundliche Übernahme meiner Interessen). Und wenn man so oder so dem Recht eines Stärkeren unterliegt (der sich, klar, um solche wie mich keine Gedanken machen kann) – bin ich dann nicht wieder im Dispositiv von „Feindschaft“? Ich will mir nicht anmaßen für andere zu sprechen, aber zumindest ich bin eigentlich nicht daran interessiert – das von Ihnen „System“

    Um es noch weiter kurzzuschließen, mit dieser für uns alle die Agenda setzenden USA. (Muss allein nicht das Feindschaft hervorrufen? Ich habe kein Gran Sympathie für Islamisten, aber müsste es nicht auch uns viel mehr empören, dass die halbe Welt als Geisel genommen werden kann durch so ein bescheuertes, seine Doktrinen und Werte- und Freihandels- und Anspruchsideen und jetzt auch noch seine dämlichen hausgemachten Schulden-Probleme exportierendes Land?)

    Ich sitze gerade an einer Erzählung über eine denkwürdige Begegnung in New York 1998, es geht auch um die „Legende des Vorwissens“, also die mit der Jahrtausendwende suggerierte Katastrophe 2001 – anscheinend die tatsächlichere Zeitenwende. Und sie wurde zwar in New York, aber eben nicht durch die USA eingeleitet. Womöglich liegt da die viel tiefer gelegene von Ihnen angesprochene Kränkung? Das Klima damals aber war, also 1998 – mit dem Oklahoma-Anschlag, mit Waco, mit dem Unabomber, mit dem besudelten Kleid der Praktikantin eines meineidigen Präsidenten – ein denkbar anderes. Die Gefahr kam aus im Inneren, von einer „taumelnden“ (oder tölpelhaft gewordenen) Nation. Und die notorisch und nachweislich verbrecherisch agierenden „Intelligence“-Dienste hatten die Spuren ihrer Feinde und waren zu blöde, was draus zu machen.

    Ich will auch Sloterdijks Relativismus nicht teilen, aber wie viel Vernichtung oder „Kollateralschaden“ eine selbstblinde Militärmacht über die Menschen bringt, kann hier auch nicht ausgeblendet werden – deren body-count ist womöglich überhaupt einer der größten Zynismen. Ich will nur sagen, es muss auch mal gut sein mit angemaßten Hoheitsansprüchen und dem heilgeschichtlichen Dilettantismus von Gottes eigenem Land, in dem der Wurm steckt. Deren „Nationale Sicherheit“ kann mich schlicht am Arsch lecken.

    Ich WILL weiter ein Emailkonto haben OHNE dass das irgendwelche Spuren bei simples Recht brechenden Instanzen hinterlässt. So einfach ginge es nämlich auch.

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