Geistesgemisch(t)warenhandel

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Millionen von Kunden, die hinters Licht geführt werden, zahlen trotzdem mehr für Strom!

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„Das heutige Genie ist durch nichts von einem heutigen Dummkopf unterschieden, dieses ist der Gewaltakt.“ (Wolfgang Hilbig, Herbsthälfte, 1973)

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Frage: Wenn die Hirnforschung so wenig zu bieten hat – gibt es denn gesichertes philosophisches Wissen?
Ernst Tugendhat: Nein. Man braucht es aber auch nicht. Der Wunsch, auf gesichertem Boden zu stehen, ist das Überbleibsel eines autoritären Bewusstseins. Es ist ein Relikt jener Zeiten, als man glaubte, von den Göttern alles Wesentliche durch Offenbarung zu erhalten.

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5 Kommentare
  1. Der Wunsch, auf gesichertem Boden zu stehen, ist das Überbleibsel eines autoritären Bewusstseins.

    Das scheint mir schon etwas hart: Ist das nicht eigentlich ein menschliches Bedürfnis? Ein gewisser Grad an Klarheit, an Sicherheit…?

  2. Ich war und bin mir nicht einmal sicher, ob das stimmt.
    Und sicher braucht jedes Denken auch Gewissheiten – sonst hätte es ja selber keine Gründe und Referenzen.

    Ich weiß aber noch genau, wie verblüfft und charmiert – und also „sofort überzeugt“ – ich war, als das zum ersten Mal hörte, als gewissermaßen den Gestus eines radikalen Aufmachens, eines Wegwischens von all der Geist-Rigidität, vor allem der deutschen.

    Ich vermute, dieser Satz bezeichnet eben die Spaltung einer „hedonistischen“ Philosophie von der akademischen. Und das Abenteuerliche ist, wie so jemand wie Tugendhat selber zwischen all dem ist und sich damit eben radikal zeitgemäß hält.

    Und letztlich: Denken muss nicht mal auf Richtigkeiten aus sein. Und schon gar nicht auf Geltungsansprüche. Und das ist in jedem Fall erst mal eine Befreiung.

  3. Ich frage mich gerade worauf es aus ist, das Denken, falls sich das allgemein sagen lässt.

    Mir scheint, dass das Ich versinkt, sich aufzulösen droht, wenn es keine Gewissheiten gibt (und seien es solche, die man für gewiss erklärt, die man setzt oder annimmt).

  4. Wobei es ja noch die längerfristigen Gewissheiten gibt, zu den planvollen, den „operativ-taktischen“. Und dann auch noch die intuitiven, die Spontan-Gewissheiten. (Wo dann auch die zweite Vernunft, die Gefühle ins Spiel kommen.)

    Wobei die letzteren Gewissheiten als Eingebungen wiederum nah an der Art Denken ist, die Tugendhat vielleicht vorschwebt: Die Art, die ihre Gewissheiten sozusagen aus ihren Bedingtheiten und Vorannahmen ableitet, die ihre Einsichten als Voraussetzungen zu nehmen weiß – und sie dann doch wieder in eine prozessuale, fortschreitende Bewegung setzt: Denken.

    Das Ich sollte sich eigentlich – es weiß ja um seinen „virtuellen“ Modus – daran gewöhnen können, sozusagen experimentell ohne Gewissheiten auszukommen. Das müsste sogar lustvoll sein. (Für andere natürlich auch beängstigend: Von diesem Standpunkt aus könnte es auch lustvoll sein, sich seiner Gewissheiten umso mehr zu versichern.)

    Das Erstere eines solchen Denkens müsste aber wohl vor allem erst mal auf seine eigenen Potenziale aus sein, auf sein grundlegendes Vermögen – letztlich auf seine Selbst-Gewissheit. Von dort kann es operieren – und dann immer noch weitersehen.

    (So weit ich weiß, gehörte Tugendhat nie einer „Schule“ oder philosophischen Richtung an, er suchte sich seine Themen selber, teils im Engagement und bewegte sich lieber „dazwischen“. So dass sein Satz eben das auch spiegelt.)

  5. Die Spontangewissheiten und die fortschreitenden Bewegung — ja, natürlich! Es scheint doch diese zwei Arten von Denken zu geben: Die eine, eben angesprochene und die andere, die Systeme errichtet und Schulen begründet.

    Die Gewissheitslosigkeit könnte auch eine Leichtigkeit und Freiheit mit sich bringen und den Raum für andere (und anderes), sich also auf diese einzulassen, zu kommunizieren und Gespräche zu führen.

    Diese Selbst-Gewissheit wäre eine Art von Mündigkeit und enthielte einen aufklärerischen Grundzug.

    [Ich bitte um Entschuldigung für die arg verspätete Antwort.]

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