explo-ratio

Beileibe keine Poetologie: Aber wenn die sich anhaltend selber versuchende Form sich entwickeln soll – ich nenne sie die explorative Erzählung: die, die nicht nur ihr Thema, sondern auch ihre disseminierungs- wie anknüpfungs-logischen Möglichkeiten andauernd erforscht -, muss sie sich ab gewissen Punkten auf ihre innertextliche Vermittlung verlassen. Und sie kann es nur in dem Geist, als der sie sich eben selber versucht.

Die Abbrüche im Text, die Einschübe, die in der Überzeichnung nicht sofort als Anschluss erkennbaren Naheinstellungen … die Versuche schließlich, auch immer mal so etwas wie ein Panorama-Bild einzuschieben (etwa als selbst-verortendes Moment, die Erzählbewegung rückzubinden): Alles aus dem Film bekannt. Was aber vielen Lesern immer noch unvertraut ist, ist die Schnitttechnik, das alles in so überlegten wie intuitiven Folgen aneinanderzureihen. Die Bewegungen, die gewohnt konsekutiven Anschlussordnungen des Lesens sind eine andere als die des Denkens – und das heißt eben heute: des visuellen Trainiertseins -, das zu verschalten.

Dabei muss trotzdem der Vorrang der durchgearbeiteten Sprache gelten (Literatur) vor der Sofort-Verständlichkeit (Unterhaltung), sonst kommt man auch aus dem Erzählraum, der seine Wirkung ins Außen zu verlagern versucht, also ins Bewusstsein des Lesers, eigentlich nie richtig heraus. Dazwischen der Essay: im erklärt explorativen Raum geschieht sowieso immer auch ein Behandeln der Form selbst.

***

(Theorie des Zuschauers): Wenn man nach einigen Wochen nach und nach aus der Arbeit wieder auftaucht, auch die winzige Verrückung, die es im Blickfeld auf die Realitäten geben kann. Es ist tatsächlich ein bisschen, wie wenn man von einer Reise zurückkehrt. Die Ausformulierung von bisher immer nur latent gebliebener Gedanken kann als ein Scharfstellen auf die immer gleich angesehen Dinge ganz eigene Effekte haben und die Gesamtheit dieser Scharfeinstellungen eine neue Tiefenschärfe ergeben.

Befreiung aber auch, solch eine aufwändige Arbeit dann hinter sich zu haben. Und trotzdem, ein wenig, der Widerwillen gegen das Kleine, die Sekundärformen. Dann aber Lust wieder auch auf das Kleine, das Geringere, das einen zu etwas anderem hinführen wird.

***

Als ich einmal schon zu lange an einer Stelle saß, für die sich keine Lösung abzeichnete – zumindest keine außer der nahe liegenden, die mich nicht befriedigte: die, die die Herausforderung nicht umging – brachte mich etwas auf eine alte Erzählung von John Updike.

Sie heißt Farrells Caddie und erzählt von einer Woche Golf eines gut betuchten Business-Amerikaners in Schottland und eben seinem Sport-Assistenten dort. Dieser entpuppt sich nicht nur als überlegen Wissender was das Spiel anbelangt, sondern zusätzlich wie eine Art Orakel als intimer Lebensberater wie etwa auch mit Personen und Liebesdingen zu verfahren wäre (von denen er natürlich gar nicht wissen kann: alles passiert im Kopf des Golfspielers). Dieser Caddie aber wird zu einer etwas skurrilen Instanz der Weisheit, die mit der Verrückung des Blicks (für die das Spiel also Gleichnis, Anlass und Perspektive liefert) zu gewinnen ist.

Nie habe ich mich für Golf interessiert (und Updike hat, glaube ich, zumindest ein längeres Buch darüber geschrieben, doch kenne ich es nicht), und was mich noch mehr langweilt als Filme oder Erzählungen über Sport, sind die über amerikanischen Sport – ich erkenne darin (trotz solcher nicht auszuschließenden Raffiniertheiten wie bei De Lillo) die zuletzt von Manichäismus durchsetzte Simpel-Ideologie, die allzu wohlfeile Lehre.

Updikes Erzählung aber entzückt mich! Das Spekulieren über die Bedingungen eines auszuführenden Schlags und die Einflüsse, denen er unterliegt, die so beiläufig scheinenden und dabei so trefflichen Beschreibungen des Platzes und der minütlich wechselnden Verhältnisse von Wetter und Innenleben des Spielers, dazu dessen sich mit dem Spiel ergebenden Einsichten, begeistern mich. All das ist absolut gekonnt und also auch reines Lesevergnügen. Denn tatsächlich, worüber einer schreibt, der das Schreiben beherrscht, ist letztlich fast gleich.

Ich an/erkenne also die Meisterschaft, und es ist wirklich fraglich, warum man sich – zumal als unbedarfter Leser, der ganz nach seinen Neigungen gehen kann – mit weniger begnügen sollte. Warum überhaupt das widerstandsfrei einem Erzählte befragen? (Und noch etwas an Effekt begegne ich bei solchem Gekonntsein wieder: seinen Anklangs-Wirkungen auf mich. Das geht bis in Stellen, deren Gedanken-Stellwerk ich gewissermaßen, oder deren Formulierungen ich auch nach Jahren wiedererkenne und noch – oder gleich wieder – genau weiß.)

Aber dann mache ich einen Fehler. Ich lese auch noch die nächste Geschichte und die vorher – ich lese mich fest. Und komme wieder auf das, was mich ab irgendeinem Punkt eben langweilt an solchen Kalibern, solchen Groß- und Erfolgsschriftstellern wie Updike (oder auch Thomas Mann) – es ist eben das immer schon Abgeklärte, es ist die Meisterschaft.

Es gibt dieser Meisterschaft sonst nichts vorzuwerfen, alles ist wohl, wie es sein sollte – und immer wieder gibt es sogar auch das Geheimnis (oder das Rühren daran). Aber es ist auch wie mit allem Beherrschten – etwas daran scheint bereits tot.

Natürlich ist es auch erzähl-technisch / ästhetisch seitdem weitergegangen, aber nicht das Altmodische stört, sondern dieses gut Abgehangene, das Fraglose, diese klassische Selbstgewissheit und Verfügungskraft über die Mittel zur Herstellung dieser Meisterschaft. Updike und die anderen(hier bitte die Namen einsetzen), sie sind wirklich wie ein Marke, eine von erprobter, verlässlicher Qualität. (Es ist kein Widerspruch, dass es immer auch schwächere Erzählungen gibt.)

Aber was, wenn man im eigenen Markenbewusstsein schon etwas weiter ist, oder dem sonst eher nicht zu folgen geneigt, weil man letztlich etwas anderes sucht?

Um es böse, ja, überspitzt zu sagen: Es hat diese Meisterschaft manchmal für mich etwas von diese alte Schinken, also dem Vorwurf, den Immendorff einmal der akademisch-fraglosen Malmeisterschaft der DDR vorgeworfen hatte. Da ist kein unüberlegter Pinselstrich, keine Unausgewogenheit im Farbraum, keine Rauhstelle, nichts, das mal aufstört oder anders verwundert. Da ist keine Übertreibung, kein Manierismus, kein falscher Satz (der einem zumindest klar machte, dass man sich in einem Text befindet und nicht in einem auktorial beherrschten Plot).

Wie gesagt, diese Empfindung ist höchst widersprüchlich. (Und im Übrigen bin ich auch nicht mehr so jung, dass es mich anderswie drängte, dem schlicht Überlegenen ans Bein zu pinkeln.)

Dazu weiß er jede Baum- oder Vogelart, alles im Leben der Personen ist von einem Weltwissen und einem Wissen en detail durchdrungen – etwa um die politisch-soziologischen Entwicklung einer Stadt -, die eher auffällt, weil sie auf einen gestellten Anspruch deutet, und nicht, weil sie in der angeblichen Wirklichkeit, also hiererorts unwahrscheinlich ist, sondern weil sie auf immer schon geklärte Positionen des Gemachtseins verweisen, auf das allzu Papierene, das, das eigentlich schon keine Fragen mehr hat.

Um es mit einer weiteren Überspitzung zu sagen (und Überspitzungen, Extreme, überhaupt Ausfälligkeiten scheinen ein Kennzeichen fürs Heutigere: der so offen schlechte Geschmack überall um einen herum ist es, der in der klassischen Erzählung fast immer fehlt!). Und eigentlich immer noch gilt: Never to be dull shows a lack of taste (Auden). Bei etwas, das ohne Fehler ist, fehlt einem also auch etwas.

***

Neulich stieß ich im Netz beim Suchen nach etwas ganz anderem auf ein Interview mit einem kanadischen Filmemacher – eigentlich genau die Art Leute, die mich sonst herzlich wenig interessiert, weil sie mir in nichts entspricht. Ich interessiere mich einfach nicht für schrille schwule Splatterfilme. (Und doch ist das womöglich eben die Außenposition, die neuerdings immer öfter etwas angeblich Relevantes nach innen, an den sich immer noch dafür haltenden Mainstream signalisiert – oder an den halbwegs gebildeten, kultur-dominierenden Weißen, dem der Untergang voraus gesagt ist [nach immer mehr Stimmen zu Recht!]: Die Ränder bestimmen zunehmend die Normalitäten.)

Dieser Typ jedenfalls sprach also vom Faschismus der Makellosigkeit.

(Nach dem ersten Abwehrreflex fiel mir sofort dieser mir zunehmend unangenehme „Faschismus“ in den Look- und Fitness-gestählten, den pornographisierten, dem sonstwie gepimpten Körpern ein. Und wie diese Makellosigkeit sich einen Raum greift, um immer mehr andere Räume zu besetzen. Allein das Gefühl, die allgemeine Aufrüstung in allen möglichen Lebensaspekten nähme einem die Luft.)

Dieser Mensch aber bezog sich dabei auf die digitale Filmtechnik, die dem Ideal des makellosen Bildes die Lebendigkeit raube. Klingt nach etwas, mit dem ich womöglich einverstanden wäre, ist aber in der Wortwahl womöglich doch eine ziemliche Überspitzung. Und doch verweist es auch wieder auf meinen versuchten Blickwinkel und noch die Paradoxie darin (indem er verjährte Aufnahmetechnik als die der moderneren vermeintlich überlegen preist, während ich diese Verjährtheit – zumindest in ihrem Ideal – infrage stelle). Aber die Schlussfolgerung bleibt: Ohne das Fehlerhafte fehlt etwas an der von Menschen erwünschten Lebendigkeit.

Wobei sich mir ein neuer Zweifel auftut: Vielleicht ist Meisterschaft und Perfektion ja gar nicht einfach synonym? Aber das muss ich erst mal offen lassen… )

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8 Kommentare
  1. Marguerite Duras sagt sinngemäß dazu, dass es diese Stelle in einem Buch geben muss, an der es scheitert.

  2. Ah ja, interessant!
    Ich frage mich aber auch, als was für eine Art Schreiber man sich begreifen muss, um sich erst mal das Ausstellen dieser Stellen zu erlauben. Das ja vom Leser – so oder so – eigentlich nur „falsch“ verstanden werden kann.
    Trotzdem scheint es, als klärte sich an solch einer „Stelle“ manchmal eine ganze Poetologie.

  3. Das Gefühl habe ich auch, dass sich eine ganze Poetologie klärt. Es gibt ja viele Bücher, die handwerklich einwandfrei gemacht sind, und nichts berühren und dann eben diese Bücher, die den Mut haben, nicht perfekt zu sein. Ich muss das Zitat noch einmal suchen.

  4. Wobei mir natürlich sofort einfällt: Duras hatte ja auch teils schwierige, persönlich-komplexe Dinge zu bearbeiten … die sie sich außerdem ästhetisch nicht leicht gemacht hat. (Ja auch wiederholt angegangen ist.)

    Aber muss es da eine Korrelation geben? Bringt einen das Leben schließlich zu seinen Poetiken?

    Was aber bedeutet das für die „glatten“ Texte, die einen nicht weiter berühren?

    • Falsche Poetik? Angst vor dem Scheitern? Das sich hinter das Handwerk zurückziehen? Oder, wie Susan Sontag es meint, die Tatsache, dass Form und Inhalt einander nicht entsprechen? Das alles können Gründe sein, die man sogar als objektiv verkaufen könnte. Ich glaube aber, dass Lesen und Schreiben immer sehr persönliche Dinge sind, und nicht jeder Schriftsteller jeden Leser erreichen kann. Am besten sind vermutlich diejenigen Schriftsteller, die das nicht nur wissen, sondern gutheißen.

      • Gutheißen – ja, stimmt wohl! Im Sinne zu vertrauen wohl auch – es kann nicht jedem alles einleuchten: Es muss reichen, wenn es den Richtigen einleuchtet. Aber der zweifelnd Suchende hat eben auch nicht immer diese Souveränität. (Und Leute, die nicht mehr an ihren Hervorbringungen zweifeln sind entweder blasierte Unbeirrte – oder wirklich vollendete Künstler. Also erledigte?)

        (Ich muss da an Willem de Kooning denken, der als er schon völlig dement war, immer noch malte, als ob eben ihn das ihn noch ausmachte, ihn überhaupt zusammenhielt. Auf den Bildern erkennt man laut einem Kritikerfreund angeblich keinen Unterschied in der Qualität zu seinen früheren. Und trotzdem habe ich, als ich das las, mich gefragt:: Ist das gut oder schlecht?)

        Es bleibt also zuletzt vielleicht doch ein Balanceakt? Ich weiß ja tatsächlich meist ‚genau‘, wenn etwas gut ist, und das bevor ich es verstehe. Es gutzuheißen wäre dann wohl als der Akt, es auch als gültig zu belassen, sie zu erlauben, diese Richtigkeit als Setzung, als so persönliche wie ‚künstlerische‘.

        Aber manchmal kehrt er doch zurück, der Zwang, es dann trotzdem auch noch konventionell begreifbar zu machen. Man müsste wohl dazu kommen, die Rechtfertigungen für einen selber zurückzuweisen. Aber das beträfe dann bald auch die eigene Gewissheiten, und das Zweifeln wäre umso stärker wieder da.

        Und alles von vorn?

  5. bedenkenswert. ist es nicht unsere aufgabe, immer nach dem vollkommenen zu suchen? (was immer man darunter versteht. ich verstehe darunter: „das kriege ich nicht besser hin.“) sprich: laufen wir nicht gefahr, uns mit etwas schlechterem zufrieden zu geben, wenn es auch besser ginge? das vollkommene muss außerdem nicht unbedingt identisch sein mit dem makellosen. weites feld. – und gleich nebenan: ich bin übrigens extrem neidisch auf die alten „meister“, ihre selbstgewissheit, die ihnen half, etwas besonderes zu schaffen… mir scheint manchmal, heute fehlt den künstlern genau das. obwohl ich zustimmen muss, das wäre wohl (und ich rede nicht vom stil!) ganz und gar nicht zeitgemäß.

    • Zuerst: Ich bin auch neidisch auf die „Meister“ – wir sind ja alle nur Trolle, und ohne das Vorbild des Vollkommenen fehlte womöglich jegliche Orientierung (zumindest „künstlerisch“). Und genau das ist, denke ich, heute ein Problem: Dass man zwar unklar weiß, dass wirklich alles noch viel besser ginge … dass aber – um es ironisch zu sagen – auch die Anstrengung in einem unguten Verhältnis zu dem Erwartbaren steht : Wird ja doch wieder keiner lesen / loben / verstehen. Aber man selber weiß es, wenn man seinen Ansprüchen nicht genügte. Und ich vermute, auch die Meister waren längst nicht so selbstgewiss, im Gegenteil: Sie sind ja irgendwie immer noch das Vorbild für jedes künstlerische Ringen. (Das paradigmatische Beispiel: Van Gogh.)

      Das andere Problem ist das der Entwicklung (etwa der Prosa), die durch diesen Komplex oft abgewürgt wird – so wenigstens mein Gefühl beim Lesen Updikes. Man muss diese Orientierungen und die Gestalten und Formen etc. auch alle wieder überkommen. Und die Frage ist, ob oder inwieweit das selber ein Teil des künstlerischen Aktes sein kann (nach, also, dem Ende aller Avantgarden und ihrer Gesten – aber auch nach dem Ende eigentlich von so etwas wie „Meisterschaft“).

      Mein Fazit bislang ist, dass es in jedem Moment eigentlich neu entschieden werden muss – manchmal auf die Gefahr hin, dass man seine eigene Entscheidung nicht mehr rechtfertigen kann (sogar vor sich selber nicht). UND was ich mich frage bleibt, inwiefern man das im Text, im allmählichen verfertigen von was immer ausstellen sollte. Insofern wird dann eben die Unvollkommenheit nicht nur „interessant“, sondern ist womöglich weiterführend, um den Terror des Makellosen zu beenden. Wie gesagt, eigentlich … entscheidet es sich in jedem Moment.

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