Vorfrühling

N. N., eine Frau aus der Nachbarschaft, die ich vor Jahren mal zum vagen Vorbild in einer Novelle gemacht habe, sitzt auf einmal in der Tür ihres Balkons in der morgendlichen Märzsonne, wie ich sie nie vorher sah: In eine nikolausmantelrote Decke gehüllt, gesichts-zerknittert wie eine alte Indianerin. Und ich frage mich unwillkürlich, ob ich nicht – die Geschichte steht eh demnächst an zur Bearbeitung – völlig neu über sie nachdenken müsste.

Dabei müsste ich auch diesen Effekt schon kennen: Ich habe sie, die reale Person, schon als ähnlich diversen, dabei sich widersprechenden Figuren gesehen – aber auch nur diese Namen zu nennen, wäre jetzt zu verräterisch. Mir schwant seit einiger Zeit, dass ich, der gewidmete Beobachter, im fundamentalen Abstand auch des Beobachters, doch zu wenig Distanz zu ihr habe und vielleicht wirklich noch mal neu nachdenken muss: Nur womöglich eher über meine eigene, in Teilen ein wenig selbstherrliche Schöpfung.

Denn andererseits weiß ich mittlerweile eigentlich schon wieder viel zuviel über sie: Sie, die nie auftauchte im Internet, hat mittlerweile eine eigene Seite und ich könnte nun Etliches über sie, das ich erfunden habe, durch Wirkliches ersetzen und plausibilisieren: wo sie herkommt (sie ist manchmal länger nicht da, sie hat zwei Wohnsitze), was sie da manchmal nachts macht (sie ist Künstlerin und arbeitet mit Belichtungstechniken, deren starke Quellen manchmal weithin über die Gärten strahlen), und noch so Einiges mehr – ich kann mir also einige der Rätsel, die über die Jahre so anfielen erklären. Und all das behielte im Text auch sicher noch genug an „Geheimnis“.

Tatsächlich ist sie seitdem ich Konkretes über sie sammele – sie gehört eigentlich nicht zu den zwei, drei Lieblingsobjekten, die ich, zumindest gewohnheitsmäßig immer noch, umkreise – viel interessanter geworden. Interessanter als in dem, was ich ihr (wenn auch nur als Neben-Nebenfigur) angedichtet hatte. Und auch jetzt erkenne ich erst mit Verspätung, warum sie auf diese ein bisschen klägliche Art dort sitzt: Sie ist schwer erkältet – wie ich selber (nachdem ich es schon sich bessernd glaubte) gerade auch.

Gleich wachsen wieder meine bereits seit Längerem auftretenden Zweifel am vermuteten Vorzug des Beobachters (gegenüber dem, der sich einlässt). Jede Perspektive schöpft ihre eigenen Einsichten und eben auch eigene Blindheiten. Das klingt als Einsicht seinerseits banal, man muss es sich aber, vor allem, wenn man sich – hindurch Ort und Zeit und Nachdenken und etliche Durchgänge an Formungen – in mehrfacher Übersicht (= Überlegenheit) glaubt, immer wieder mal sagen.

Ich weiß so gut wie nichts.

Doch kann ich mir sagen, dass das gut ist, muss ich doch eh einige Dinge neu beginnen. Auch die Märzsonne kreist weiter um den strahlenden Tag und die Unaufgeklärtheiten auf Erden, und demnächst wärmt sie auch mich.

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