Hand aufs Herz

Freitag, auf der Rückfahrt von H., in der U77 eine junge Mutter.

Mal seit langem wieder eine dieser Schönheiten, von denen man meint, sie blieben einem für immer, und dann kann man das Moment an Unfasslichkeit an solchen Gesichtern doch nicht halten: Es sprengt das Gewöhnliche um einen herum eben zu sehr. Dazu kam, dass sie als „Migrantin“ etwas zwar nicht Exotisches, aber doch etwas hier Ungeläufiges ausdrückte – etwas, wenn man so will, Ungebrochenes. (Ich kam schließlich darauf, die Herkunft der Frau entweder im Iran oder irgendwo im mittleren Osten zu vermuten.)

Sie hatte etwas von der jungen Sophie Marceau, aber stiller, introvertierter; und schien, selber jung, dabei zugleich schon ganz in der uralten Souveränität der Mütter, die ihre Weise der Hinwendung zum Leben, ihren Raum der erfüllten Liebe gefunden haben.

Ich weiß, es ist, wenn nicht schon ganz unstatthaft, vermintes Gelände, heutzutage über Frauen biologistische Aussagen zu machen. Aber in manchen Situationen zeigen sich Konstanten, drücken sich ewige Gültigkeiten des Menschlichen auf eigensinnige Weise aus. Oder manche Aspekte solcher schwierigen Dinge wie Weiblichkeit oder „Mütterlichkeit“, über die man sonst kaum je nachdenkt, offenbaren sich einem plötzlich als etwas viel zu lange Vernachlässigtes, und sei es, weil es einen an eigene affektive Räume erinnert, an eine verlorene Fraglosigkeit, deren Qualitäten dann kurz um so stärker hervortreten als die Skrupel um unversehens albern scheinende, neumodische Bedenken. Ich formuliere also: Diese schöne junge Frau erschien als Mutter noch einmal so schön. (Und wie viele jüngere Unterschichtenfrauen werden dadurch, dass sie früh ein Kind bekommen überhaupt erst erträglich?)

Es war jedenfalls sehr einnehmend – und ich spürte, wie es mich in ihrer Gegenwart entspannte -, ihre Ruhe über die gefundene Lebensgewissheit und ihre Freude an den beiden Jungen zu beobachten, von denen einer still neben ihr saß und manchmal großäugig zu ihr hoch blickte, während der andere herumturnte, die Fahrgäste kurz mit nachdenklichen Blicken musterte … um sich dann ebenfalls wieder der Verbundenheit mit seiner Mutter zu versichern. Mehrmals küsste sie ihren Kindern nach einem Wort oder einer kurzen Auskunft die Hände. Und das Glück, das sich darin zeigte, eine Verzückung, die sich als Geste ausdrückte, nahm mich noch mehr für sie ein.

(Auch neulich war mir einmal aufgefallen, wie jemand, dem ich nur die linke Seite auf einer Rolltreppe freigemacht hatte, ein junger Typ aus dem arabischen Raum, eine kurze Bewegung mit der rechten Hand zum Herzen vollführte. Natürlich war das nur ein Ausdruck von Dank und dazu denkbar flüchtig, also floskelhaft, und doch hatte es das Einnehmende zur Geste, einer, die hierzulande oft fehlt, da Höflichkeiten oder Rituale schon an nichts mehr [an einmal ursprünglichen Bezug zum Körper] erinnern.)

Beim Aussteigen der kleinen Familie konnte ich die Frau noch einmal ansehen und meinte immer noch dieses Starke bei ihr zu spüren, etwas Unbezweifelbares – dabei ist so was ganz sicher immer auch gefährlich, weil es eine Attraktion für viele und für manche außerdem eine Herausforderung: eine doppelte Gefährdung ist. Aber die hatte sie offenbar bisher nicht erreicht. Schließlich ist allein solche Gewissheit auch schon eine Macht.

Manchmal haben Selbstvergessene oder anderswie Beseligte solche Gesichter, oder auch alte Leute, die ein bestimmtes Wissen erworben haben (eines, das ich durch sein Benennen jetzt nicht klein machen will). Oder spricht aus all dem auch nur mein Bedürfnis nach der Begütigung, in der ich mich lange befand und an der es mir jetzt fehlt? Doppelt gefährdet wie ich offensichtlich gerade bin (oder zumindest beeinflussbar), wünschte ich mir noch den ganzen Vormittag, einmal erreichte es auch mich.

.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: